Herr Bernhart, wie muss man sich das vorstellen: Hatten die Göppinger vor 125 Jahren auf einen Schlag "Hahnenwasser"? Jeder Haushalt seinen Anschluss?

DR. MARTIN BERNHART: Wenn man mit "auf einen Schlag" einen kurzen Zeitraum meint, dann ja. Die Stadtverwaltung verlegte schon im Jahr 1889 kostenlos Trinkwasserrohre im Stadtgebiet, an die die Göppinger Bürger ihre Häuser sukzessive anschlossen. Der Aufbau eines Rohrleitungsnetzes war im Prinzip nichts Neues. Es gab damals schon 30 Jahre lang ein Gasrohrnetz in der Stadt, das ständig erweitert wurde.

Woher kam das Wasser in der Anfangszeit?

BERNHART: Aus dem Grundwasser. Mit Hilfe einer Sickergalerie beim Freibad wurde es gesammelt und hoch zum Wasserbehälter Viehweide an der Hohenstaufenstraße, ungefähr auf die Höhe des Fußballstadions gepumpt.

Wie war es denn vorher?

BERNHART: Es gab öffentliche Brunnen in der Stadt. Die Leute mussten frisches Wasser von dort mühsam mit unterschiedlichsten Behältnissen in ihre Häuser und Wohnräume schaffen.

Sickergalerie - das klingt so bedeutsam, wie Aquädukt. Was ist das?

BERNHART (lacht): Technisch etwas sehr Einfaches. Sie müssen sich das vorstellen wie ein tiefliegendes Drainagerohr, in dem sich Grundwasser sammelt, nachdem es vorher Kies- und Sandschichten durchlaufen hat und so von Schadstoffen gereinigt wurde. Auch heute noch hat das in der Sickergalerie aufgefangene Wasser Trinkwasserqualität. Es wird aber nicht mehr in das öffentliche Netz eingespeist, sondern an die umliegende Industrie als Prozesswasser verkauft.

Göppingen hat anno 1903 einen Coup gelandet und sich Trinkwasser aus zwei Dutzend Quellen im Nassachtal gesichert. Klar: Göppingen brauchte das Wasser. Aber war es fair, sich das auf "ewige Zeiten" zu sichern? Dieses Wasser hätte man auch im unteren Filstal brauchen können.

BERNHART: Man kann das Verhandlungsgeschick der Gemeinderäte im Nachhinein nur loben. Natürlich waren auch weitgehende Zugeständnisse an Nassach, das damals zu Adelberg gehörte, notwendig. Beispielsweise sollten die Bürger von Nassach auf alle Zeiten eine kostenlose Wasserversorgung erhalten. Dieser Vertragspassus war aber nur bis ins Jahr 1976 durchzuhalten.

Wie gelang es, bei der Wasserversorgung mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten? Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg?

BERNHART: Durch steigenden Bezug von außen. Wenn Sie das heutige Stadtgebiet betrachten, wird an verschiedenen Verbindungspunkten Trinkwasser von benachbarten Zweckverbänden eingespeist. So werden Stadtbezirke wie beispielsweise Hohenstaufen versorgt. Das Wasser kommt von den Zweckverbänden Uhinger Wasserversorgung, Eislinger Wasserversorgung und Wasserversorgung Ostalb. Der Bedarf wäre gar nicht anders zu decken. Dazu kam für die Kernstadt in Göppingen schon vor dem Jahr 1930 Wasser aus dem Donauried vom Zweckverband Landeswasserversorgung. Von ihm beziehen wir heute bis zu zwei Drittel unseres Wassers. Nicht nur direkt, auch indirekt über die Nachbarverbände.

Ist der Wasserverbrauch denn stetig gestiegen?

BERNHART: Anfänglich ja, in der jüngeren Vergangenheit ist aber das Gegenteil der Fall. Er liegt heute bei der Hälfte des Verbrauchs in den 1950er Jahren. Damals waren es 250 Liter pro Kopf und Jahr, aktuell liegen wir bei 122.

Wie kommt das?

BERNHART: Damals hatten wir noch Papier- und Textilindustrie, die enorm viel Wasser verbrauchte. Das eigene Bad im Haus war noch nicht selbstverständlich, dieser Verbrauch nahm noch zu. Später wuchs dann das Bewusstsein für die Ressource Wasser und das Wassersparen begann. Es wurden wassersparende Techniken, auch wassersparende Hähne, entwickelt.

Kann Ihnen das recht sein? Sie wollen ja Wasser verkaufen.

BERNHART: Vom ökonomischen Standpunkt her wären uns höhere Absatzmengen lieber. Die EVF ist ein Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht. Zuletzt waren das in der Trinkwassersparte etwa 250 000 Euro im Jahr, die dann über die jeweiligen Stadtwerke wieder zurück an die Haushalte der Städte von Göppingen und Geislingen fließen. Aber aus ökologischer Sicht sehen wir Wasser auch als eine schonenswerte Ressource, mit der man effizient umgehen muss.

Wenn Sie heute noch Eigenwasser haben, ist Ihr Wasserpreis günstiger als anderswo?

BERNHART: Wir liegen mit 2,21 Euro pro Kubikmeter, ohne Mehrwertsteuer, im oberen Drittel der Preistabelle der Kartellbehörde über Wasserversorger im Land. Jährlich werden im Schnitt 1,8 Millionen Euro ins Wassernetz und die Behälter reinvestiert, beispielsweise in die weithin sichtbare Sanierung des Wasserturms Eichert in den letzten beiden Jahren. Was uns belastet, sind die Kosten für die hohen Bezugsrechte und die Mindestabnahmemengen vom Zweckverband Landeswasserversorgung.

Da führten Sie in den letzten Jahren einen Rechtsstreit.

BERNHART: Ja. Wir sind aber leider nicht rausgekommen aus der Höhe der Bezugsrechte über circa zehn Millionen Kubikmeter im Jahr, die uns viel Geld kosten - circa 0,12 Euro pro Kubikmeter und Jahr. Aber wenigstens wurde die Mindestabnahmemenge von 38 auf 25 Prozent der Bezugsrechte gesenkt. Das spart uns jährlich 200 000 Euro.

Das heißt, Sie können beim Eigenwasser zulegen?

BERNHART: Das haben wir im Jahr 2014 zum Teil schon getan, mit einer Steigerung um 150 000 Kubikmeter auf 1,15 Millionen.

Für Göppingen und Geislingen zusammen? Göppingen hat doch allein schon Eigenwasser von 1,6 Millionen Kubikmeter.

BERNHART: Ja, schon. Aber wir verfügen für die öffentliche Versorgung nicht mehr über das Wasser der Sickergalerie, das wird schon seit mehr als 20 Jahren überwiegend an die Gelita AG abgegeben. In Göppingen liefern die Quellen im Nassachtal das Eigenwasser. Das wesentliche Potenzial der Eigenwassergewinnung liegt aber im Rohrachtal und der Springe Quelle in Geislingen, dort steht eine Menge ungenutztes Wasser in Trinkwasserqualität zur Verfügung. Wenn wir nicht an die Verträge mit der Landeswasserversorgung gebunden wären, müsste man über eine Transportleitung von Geislingen nach Göppingen nachdenken.

Warum sind Sie denn gebunden? Woher rühren die Knebel?

BERNHART: Die Prognosen in früheren Zeiten gingen davon aus, dass die Bevölkerung kontinuierlich zunehmen würde. Das Wachstum der Bevölkerung wurde aus den Zahlen der Vergangenheit hochgerechnet und mit dem damals hohen Wasserverbrauch pro Kopf multipliziert. Man hatte die Erwartung, dass die Stadt Göppingen auf 90.000 bis 100.000 Einwohner wachsen könnte. Mit diesen Erwartungen und unter dem Eindruck verschiedener Dürreperioden in den 60er Jahren im Landkreis wurden dann die Wasserlieferverträge mit den hohen Bezugsrechten vereinbart. Im Nachhinein ist man immer gescheiter, deshalb gibt es an den damaligen Grundlagen für die Entscheidungen auch nichts zu kritisieren.

Ist die Trinkwasserqualität für Sie ein Thema? Haben Sie Ultrafiltration?

BERNHART: Trinkwasserqualität ist für uns immer ein Thema. Wir verfügen über ein eigenes akkreditiertes Trinkwasserlabor, das über 400-mal im Jahr die Qualität des Trinkwassers in unserem Netz überprüft. Beanstandungen sind mir keine bekannt. Moderne Ultrafiltrationsanlagen lösen nach und nach unsere alten Sandfilter ab. Im Wasserwerk Rohrachtal in Geislingen ist die moderne Technik schon seit einigen Jahren im Einsatz. In Göppingen, im Wasserwerk Ulmer Straße, sind wir derzeit bei der Umstellung. Wir haben über lange Zeit auch mit ganz einfachen Sandbettfiltern oder Druckfiltern sauberes Trinkwasser produziert. Trotzdem kommt es schon mal vor, dass coliforme Keime im Wasser enthalten sein können. Die werden von Dritten in unser Netz eingeschleust. Praktisch kann das über nicht erkannte Leckagen oder falsche Anschlüsse von Regenwasseranlagen erfolgen.

Wie hoch sind Ihre Wasserverluste? Sie investieren ja immerhin pro Jahr 1,8 Millionen Euro ins Netz.

BERNHART: Wir liegen bei etwa zehn Prozent. Das war früher deutlich höher. Da hatten wir noch einen größeren Anteil an gusseisernen Leitungen im Rohrnetz, die extrem bruchanfällig sind.

Für die Bevölkerung ist es eine Horrorvorstellung, wenn die Wasserversorgung privatisiert würde. Sehen Sie diese Gefahr?

BERNHART: Gefahren lauern überall und deshalb müssen wir immer aufmerksam sein. Bei internationalen Handelsabkommen, wie beispielsweise dem Freihandelsabkommen mit den USA, bekannt unter dem Kürzel TTIP, könnte die Gefahr schnell akut werden. Nach derzeitigem Verhandlungsstand wird die Wasserversorgung zwar als Daseinsvorsorge eingestuft und mit dieser Einstufung bestünde kein Risiko. Was passiert, wenn sich diese Einstufung ändert? Man muss die Sache im Auge behalten. Das tun im Wesentlichen unsere Verbände für uns. Was ich von einer Privatisierung halte: Aus meiner Sicht macht sie in den Sektoren der Daseinsvorsorge keinen Sinn. Wirtschaftliche Optimierung aus reinem Profitstreben heraus führt fast zwangsläufig zur Vernachlässigung der Infrastruktur und damit zur Vernichtung von öffentlichem Vermögen.

Göppinger Wasserwerk öffnet morgen seine Türen

Erlebnistag Unter dem Motto "125 Jahre Wasserversorgung" öffnet das Werk an der Ulmer Straße 51 in Göppingen morgen von 10 bis 16 Uhr seine Türen. Am Erlebnistag können die Besucher um 11.30, 12.30, 13.30 und 14.30 Uhr hinter die Kulissen des Wasserwerks blicken. Es gibt fachkundige Erläuterungen zu allen Fragen der sicheren Trinkwasserversorgung.

Museum Das neu konzipierte Wassertechnikmuseum lädt mit viel Charme zum Eintauchen in die Geschichte ein. Neben der kulinarischen Bewirtung sorgen Attraktionen wie Luftballon-Weitflug-Wettbewerb, Reaktionswand, Wasserstraße und Surfsimulator für Unterhaltung von Jung und Alt. Kostenfreie Parkplätze gibt's am Freibad-Parkplatz, Einfahrt von der Eythstraße.

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Zur Person vom 25. September 2015

Dr.-Ing. Martin Bernhart (56) ist seit sieben Jahren Geschäftsführer der Energieversorgung Filstal (EVF). Der in Landau i.d.Pf. geborene Pfälzer kam 2002 als Hauptabteilungsleiter zur damals neuen EVF, die die Gas- und Wasserversorgung der Städte Göppingen und Geislingen in einem Betrieb vereinigt. Bernhart ist der erste Mitarbeiter mit einem Anstellungsvertrag der neuen Gesellschaft.

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