Talkrunde Hundt und Riester über den Arbeitsplatz der Zukunft

Göppingen / Susann Schönfelder 05.02.2018
Nehmen uns Roboter die Jobs weg? Schaffen wir künftig Tag und Nacht? Mit Dieter Hundt und Walter Riester haben zwei hochkarätige Gäste beim „Talk im Wasserwerk“ über den Wandel der Arbeitswelt und den aktuellen Tarifkonflikt diskutiert.

Ob Dieter Hundt und Walter Riester den aktuellen Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie wohl in dem einstündigen TV-Talk gelöst hätten, wenn sie denn diese Aufgabe gehabt hätten? „Wir haben Sie auf jeden Fall als sehr vernünftige Verhandlungspartner erlebt“, meinte Moderator Joa Schmid am Ende der Fernsehaufzeichnung. Früher selbst als Unterhändler der Metallindustrie beziehungsweise der Gewerkschaft bei den Tarifverhandlungen an vorderster Front, heute als kritische Beobachter bezogen der frühere Arbeitgeberpräsident Hundt und der ehemalige Bundesarbeitsminister Riester beim „Talk im Wasserwerk“ Stellung zum derzeitigen Tarifstreit.

Die einstigen Kontrahenten schauten aber auch zurück ins Jahr 1990, als sie bei den Tarifverhandlungen Nordwürttemberg/Nordbaden entscheidend dafür verantwortlich waren, dass in Deutschland die 35-Stunden-Woche eingeführt wurde. Ihr „Göppinger Abschluss“ ging in die Geschichte ein. Beim zweiten „Talk im Wasserwerk“, einem Gemeinschaftsprojekt von NWZ und Filstalwelle, stellten sich die beiden prominenten Gäste den Fragen der Moderatoren Helge Thiele und Joa Schmid und wagten vor historischer Kulisse auch einen Blick in die Zukunft.

Wie geht es in der Welt der Arbeit weiter? Werden uns Roboter irgendwann alles abnehmen? Oder wird es vielleicht sogar mehr Jobs geben? „Die Arbeitswelt wird sich gewaltig ändern“, ist Dieter Hundt überzeugt. Die Digitalisierung und die fortschreitende Globalisierung werden die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, auf den Kopf stellen: „Es wird rund um die Uhr gearbeitet werden“, glaubt der Inhaber der Allgaier Werke in Uhingen. Ohne eine „gewaltige Flexibilisierung“ werde man diese Herausforderung nicht meistern können. Genauso wichtig sei aber die Investition in Bildung, Aus- und Weiterbildung, forderte der 79-Jährige. Doch ist es mit einem größtmöglichen Maß an Flexibilität getan, wenn bis zu 47 Prozent aller Arbeitsplätze wegfallen, wie eine Studie der Uni Oxford prophezeit? Dieter Hundt bereiten solche Berechnungen keine schlaflosen Nächte: „Das kann niemand vorhersagen. Ich bin überzeugt, dass Industrie 4.0 nicht die letzte Revolution ist.“ Bisher hätten alle Veränderungen zu mehr Beschäftigung und Wohlstand geführt, blickt der frühere Arbeitgeberchef optimistisch in die Zukunft.

Dennoch: „Die Entwicklung macht vielen Menschen Angst“, stellte Moderator Helge Thiele fest und fragte Walter Riester, was denn die Gewerkschaften tun können, damit Arbeitnehmer nicht irgendwann auf der Verliererseite stünden. Der frühere Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete sieht die Zukunft nicht ganz so rosig: „Man muss sich da frühzeitig kümmern. Und frühzeitig wäre eigentlich schon in der Vergangenheit gewesen“, sagte Riester in die Fernsehkameras. Für ihn sind die flexible Gestaltung der Arbeitszeiten und die Qualifizierung „riesige Anforderungen“ der Zukunft. „Wir haben die Entwicklung, vorausschauend zu handeln, versäumt“, kritisierte der 74-Jährige. Riester sprach in diesem Zusammenhang auch den Trend zu Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung an. Da aber die Sozialsysteme zum Großteil vom Erwerbseinkommen leben, „müssen wir uns Gedanken machen, wie wir da nachjustieren“.

Hundt sah es nicht ganz so düster: „Das Gesamtarbeitsvolumen ist wie vor zehn Jahren.“ Und in seinem Unternehmen sei die Zahl der Beschäftigten stetig gestiegen, trotz vollautomatischer Maschinen. Der gebürtige Esslinger, der Maschinenbau studiert hat, glaubt nicht, dass Menschen irgendwann überflüssig werden – „bei aller Begeisterung für die Zukunft“. Riester stimmte ihm zu: Es gebe zwar relativ gesättelte Märkte in Europa, aber eben auch enorme Wachstumsmärkte wie in China. „Es geht uns nicht sofort die Arbeit aus.“ Einig waren sich beide Talk-Gäste, dass die elementaren Themen Digitalisierung und Wandel der Arbeitswelt in politischen Diskussionen und aktuell auch in den Koalitionsverhandlungen in Berlin viel zu wenig Raum einnehmen. „Was in 2030 wichtig wird, müssen wir durch heutige Entscheidungen prägen“, forderte Riester – und es klang wie ein Weckruf in die Hauptstadt und letztlich auch an seine Parteikollegen.

Stundenlange Spaziergänge

Der „Talk im Wasserwerk“ bot auch ausreichend Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen. Denn Hundt und Riester kennen sich schon Jahrzehnte. Vor nunmehr 28 Jahren haben sie bei den damaligen Tarifverhandlungen Nordwürttemberg/Nordbaden einen geschichtsträchtigen Durchbruch erzielt: Zum ersten Mal wurde die 35-Stunden-Woche in einem Tarifgebiet festgeschrieben. Leicht war es auch damals nicht, berichteten Hundt, damals Verhandlungsführer der Metallindustrie, und Riester, Vertreter der IG Metall. Es habe nicht nur während der Tarifrunde einen intensiven Austausch gegeben, plauderte Dieter Hundt vor laufenden Kameras aus dem Nähkästchen. „Es gab teilweise stundenlange Spaziergänge, bei denen die Männer 1,5 bis 1,8 Kilometer vorweg liefen und die Frauen hinterher“, erzählte er schmunzelnd. Letztlich sei ein Vertrauensverhältnis unabdingbar, um einen für beide Seiten vertretbaren Abschluss hinzubekommen, betonten die früheren Kontrahenten unisono.

Dass ein langer, so wie vor 30 Jahren siebenwöchiger Arbeitskampf auch bei den aktuellen Tarifauseinandersetzungen sinnvoll und notwendig sei, glauben beide nicht. „Das können wir bei jetzigem Stand intelligenter lösen“, meinte Walter Riester. Dieter Hundt pflichtete ihm bei: Die Auftragsbücher der Unternehmen seien prall gefüllt, „eine Ausweitung der Streiks wäre sehr, sehr schädlich“, auch was die Reputation Deutschlands im Ausland betreffe, unterstrich der frühere Arbeitgeberchef. Hundt warnte davor, dass zu massive und immer weitergehende Lohnsteigerungen den Betrieben irgendwann auf die Füße fallen – nämlich dann, wenn sich die Konjunktur abschwächt. Mit flexibleren Arbeitszeiten geht der Allgaier-Inhaber mit, „gar kein Verständnis habe ich jedoch für die Forderung nach Zuschlägen trotz Arbeitszeitverkürzung“.

Die IG Metall fordert im aktuellen Streit, dass bestimmte Beschäftigte ihre Arbeitszeit temporär auf bis zu 28 Stunden pro Woche – und das mit einem Zuschuss  – reduzieren können. Es geht dabei um Mitarbeiter, die sich um die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen kümmern, aber auch in Schichtarbeit stecken. Die Flexibilisierung hätten die Koalitionspartner ja bereits vereinbart, sagte Riester, „und die Entgeltfrage halte ich für lösbar“, fügte der frühere Gewerkschafter hinzu, den es hin und wieder in den Finger juckt: „Manchmal wäre ich ja schon gerne bei den Tarifverhandlungen dabei.“

Dieter Hundt und Walter Riester gehen davon aus, dass recht schnell eine „vernünftige Lösung“ gefunden wird. Beim lockeren „Talk im Wasserwerk“ lagen die einstigen Verhandlungsführer gar nicht weit auseinander – ganz ohne lange Spaziergänge. Dafür mit einem gemeinsamen Essen im Anschluss an die Aufzeichnung.

Projekt von NWZ und Filstalwelle

Die Reihe: Der „Talk im Was­serwerk“ ist ein crossmediales Gemeinschaftsprojekt von NWZ und der Filstalwelle. Er fand jetzt zum zweiten Mal statt. Für die historische Kulisse sorgt die Energieversorgung Filstal (EVF).

Die Gäste: Die Auswahl der Gäste orientiert sich an aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Ereignissen. Gedacht ist an Politiker, Künstler, Vertreter von Interessengruppen oder an Menschen, die aufgrund ihres Engagements oder besonderer Ereignisse Schlagzeilen gemacht haben.

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