Kabarett Hypochondrie zum Programm gemacht

Tastet nicht nur die Lymphknoten, sondern hört das kranke Land ab: Ingo Börchers im Alten E-Werk.
Tastet nicht nur die Lymphknoten, sondern hört das kranke Land ab: Ingo Börchers im Alten E-Werk. © Foto: Axel Raisch
Göppingen / Axel Raisch 16.04.2018

Es scheint eine Nebenwirkung, ein Begleiteffekt der Hypochondrie zu sein, ein großes sarkastisches Talent hervorzubringen. Wir kennen Harald Schmidt als bekennenden und praktizierenden Krankheitsphobiker. Ingo Börchers macht es gar zum Programm: „Urlaub auf Sagrotan“. Das medizinische Wörterbuch auf zwei Beinen bot im Alten E-Werk ein kluges Programm, voll Wortwitz, Schlagfertigkeit, Hintergründigkeiten und Nachdenklichkeiten.

Während andere beim Warten auf den Zug gerne übers Smartpone wischen, tastet Börchers lieber seine Lymphknoten ab. „So bekommt man den Tag auch strukturiert.“ Seine schönsten Zeiten im Leben sind für den Bielefelder die Inkubationsphasen, rezeptfreie Medikamente sind unter seinem Niveau. Er ist verheiratet mit einer im Sternzeichen der Wasserwaage geborenen Frau („Sie ist ständig am Nivellieren“).

Bevor er eine Entscheidung trifft, trifft ihn die Entscheidung. Da er also nicht mehr frei sondern Ehemann ist, möchte er wenigstens keimfrei leben. Und da, wer A sagt auch septisch sagen muss, horcht Börchers nicht nur die eigenen Krankheiten, nicht nur das leidende Selbst sondern auch das kranke Land ab. Früher hätten Charakter und Schuhsohlen Profile gehabt, heute seien sie auf Facebook beheimatet. „Das Löschen solcher nannte man früher Amnesie“ heute sei es für viele selbstverständlich, sagt Börchers.

Bei Werten dächten die meisten heute an Wertschöpfung statt an Wertschätzung, junge Menschen verwechselten Lebenslauf mit Leben. Der Kabarettist deckt außerdem knallhart Hintergründe und Zusammenhänge auf, die bei aller Oberflächlichkeit kaum jemand zur Kenntnis nehme. Wurde uns als Kindern nicht erzählt, dass die Sonne nicht scheint, wenn der Teller nicht leergegessen wird? Warum also wundern wir uns heute über adipöse Menschen und den Klimawandel? Sehr berechtigte Fragen, die Börchers stellt.

Bei Pekip, dem „Prager Eltern-Kind-Programm“ denkt der junge Vater, dass „das Kind in die Tschechei geschickt wird, damit man wieder in Ruhe einkaufen kann“ und die „Unisex-Toiletten“ bezeichnet er als erweiterte Bedürfnisanstalten „für angehende Akademiker“.

Nach dem Hochhalten einer Bild-Zeitung mit entsprechender Schlagzeile desinfiziert er sich  die Hände. Er habe einfach immer das Bedürfnis nach Kontakt mit der „Springer-Presse“. dafür gibt’s spontanen Applaus. Den Gesundheitsexperten Börchers dürfte die lautstarke Zustimmung aus dem Publikum nicht nur freuen, sondern auch beruhigen: Dieser Reflex funktioniert noch immer zuverlässig beim Kabarettpublikum.

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