Göppingen / LILLI ELL  Uhr
Ein letztes Mal stand Kirchenmusikdirektor Thomas Gindele am Sonntag am Dirigentenpult der Kirche St. Maria. Es war der musikalische Abschied von seiner Kirchengemeinde und seinem Göppinger Publikum.

Abschiede sind traurige Angelegenheiten, Thomas Gindele aber gelang es beim Konzert in der Göppinger Kirche St. Maria, dass die Musik zu einem Fest geriet, in deren Mittelpunkt die "Misa Tango" von Martin Palmeri stand.

Zu Beginn sang Gundula Peyerl die Sopranpartie von Mendelssohns "Salve regina", begleitet vom Orchester musica viva aus Stuttgart. Das "Salve regina" ist eine bewegende Anrufung von Maria, der Königin, die durch ihre einfache gregorianische Singweise umso eindringlicher wirkt. Peyerls Vortrag wurde dieser Einfachheit völlig gerecht und machte durch den Durdreiklang mit der Sexte zu Beginn die Nähe zum Kirchengeläut deutlich.

Dann erfolgte der Sprung in die Moderne. Matthias Matzke interpretierte Astor Piazzollas "Novitango für Akkordeon". Tango galt als etwas Verruchtes, von der und in der Kirche sowieso verboten. Trotzdem passten die melancholischen, dann wieder auch rassigen Melodien gut zu dem besinnlichen Mendelssohn vom Anfang. Matzke erwies sich als Meister auf seinem Instrument und zauberte von Anfang an die Klänge des Tangos und damit südamerikanisches Flair in die Kirche. Kein bisschen unpassend wirkte diese Musik, im Gegenteil es war Gottes Lob interpretiert durch die Musik, die alle ansprach.

Das zeigte sich dann in der "Misa a Buenos Aires", der "Misa Tango" für Sopran, Chor, Akkordeon, Klavier und Streichorchester von Martin Palmeri, dem Hauptwerk des Abends. Das Werk ist eine bewegende Verschmelzung der typischen Stilmerkmale des Tangos mit den alten Worten des Messtextes. Chor und Orchester gelang eine eindringliche Symbiose von Musik und Text. Kirchenmusikdirektor Thomas Gindele führte beide sicher und befeuerte immer wieder seine Musiker zu Intensität des Ausdrucks und dynamischer Steigerung. Der Chor war nicht die tragende Kraft, um die typischen Tangoelemente herauszuarbeiten, dafür stand das Akkordeon, das die Lebensfreude und Melancholie vermittelte, die Streicherbesetzung und Gregor Kissling am Klavier stärkten diesen Eindruck und gaben Rhythmus und Klangfarbe dazu, so dass ein lebendiges Ganzes entstehen konnte. Die musikalischen Einwürfe der Sopranistin setzten das Sahnehäubchen obendrauf. Bei der ganzen Schönheit der Klänge und all den Emotionen, die der Tango - inzwischen Weltkulturerbe - transportiert: Gehört diese Musik in die Kirche? Durch die Kraft der Musik und der Messworte erscheint diese Frage überflüssig. Für den Komponisten ist seine Messe kraftvoller Ausdruck des Gotteslobs, wie die Göppinger Aufführung eindrucksvoll belegte. So hat sich Thomas Gindele mit der Misa Tango einen außergewöhnlichen Abschied gestaltet, der auch von den Zuhörern mit lang anhaltendem Beifall, Ovationen und Bravorufen gewürdigt wurde. Da verlässt einer die Stadt Göppingen, der für die Kultur der Stadt einen großen, unvergesslichen Beitrag geleistet hat. In seiner sympathischen, zurückhaltenden Art nahm er die Huldigung des Publikums gerührt entgegen.

In der Wiederholung des letzten Teiles der Messe, dem Agnus Dei, bedankte er sich musikalisch bei seinem Publikum. Dessen letzter Teil war das "Dona nobis pacem", das am Ende immer leiser werdend, jedoch mit klarem Ton im Kirchenschiff entschwebte.