Heike Baehrens klingelt an der Tür, lächelt und schenkt dem Bewohner eine rote Rose. Dann entspinnt sich ein kurzes Gespräch über die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Die SPD-Bundestagskandidatin und der junge Mann sind sich einig: "Menschen sollten für ihrer Hände Arbeit so viel Geld verdienen, dass sie davon leben können." Bisher hat die Sozialdemokratin rund 600 Rosen im Wahlkreis Göppingen überreicht - bis zur Bundestagswahl am 22. September sollen noch jede Menge dazu kommen. "Ich will Kontakt mit den Menschen aufnehmen und wissen, welche Themen sie bewegen", erklärt Heike Baehrens ihre Motivation, auch bei garstigem Regenwetter von Tür zu Tür zu gehen. Die Kandidatin hat sich keinen speziellen Ort im Filstal herausgepickt, der ihr ganz besonders am Herzen liegt. "Mir sind die Menschen wichtig und der direkte Dialog mit ihnen", unterstreicht die 57-Jährige.

Soll sie dennoch einen Platz mit Bedeutung nennen, fällt ihr die Kindertagesstätte Blumhardthaus im Göppinger Reusch ein. Einerseits war Christoph Friedrich Blumhardt ein evangelischer Theologe, der auch für die SPD im Landtag saß. Er habe somit christliches Leben und politische Arbeit miteinander verbunden - so wie sie auch, sagt die Religionspädagogin, die sich schon sehr früh ehrenamtlich in der Kirche engagiert hat. Andererseits sei die im Umbau befindliche Kita ein Sinnbild für die "Großbaustelle Familienpolitik" in Deutschland. "Da gibt es kein echtes Gesamtkonzept", bemängelt die Sozialdemokratin.

Aufmerksamkeit für Familien und Kinder

Die Aufmerksamkeit für Familien mit Kindern schwinde - eine Entwicklung, die ihr Sorgen bereite. Eng verknüpft ist die Familienpolitik mit dem demographischen Wandel und der Frage, wie Pflege künftig aussehen und finanziert werden soll. Ein Thema, das SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bisher zu wenig im Wahlkampf angesprochen habe, kritisiert die Bewerberin. "Eine Reform und Weiterentwicklung der Pflegeversicherung ist dringend notwendig", fordert die Frau, die seit 1996 Geschäftsführerin und seit 2002 Vorstandsmitglied im Diakonischen Werk Württemberg ist. Aus ihrer Sicht müssten in erster Linie "die vielfältigen, bürokratischen Hemmnisse" auf ein angemessenes Maß zurechtgestutzt werden.

Baehrens findet es "reizvoll", eine solche Reform mitzugestalten und ihre Lebens- und Berufserfahrung in das Gesetzeswerk einzubringen. Dies sei auch der Antrieb für die Kandidatur gewesen, denn ein Bundestagsmandat hatte die 58-Jährige vor einigen Monaten nicht mehr unbedingt auf dem Zettel. Doch jetzt hat sie Feuer gefangen. Sie will für die Inklusion behinderter Menschen eintreten, der "Mehrklassen-Gesellschaft" im Gesundheitswesen entgegen wirken und für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur kämpfen. "Es gibt viel zu tun. Was nicht heißt, dass alles anders werden muss", räumt die Bewerberin ein. Manchmal reiche es, "an Details zu schleifen". Letztlich gehe es darum, Mehrheiten zu finden und Bündnisse zu schmieden, um zum Erfolg zu kommen. Die Kandidatin ist überzeugt, dass ihr die Verhandlungserfahrung in der Sozialpolitik auch in Berlin zugute käme.

Heike Baehrens ist eine Streiterin für Gerechtigkeit. "Das Gen hat mir meine Mutter mitgegeben." Ein Eintritt in die CDU, auch wenn sie das "C" im Namen führt, sei daher für die gläubige Politikerin nie in Frage gekommen. Mit Sorge beobachtet die SPD-Bewerberin, dass die Schere in unserer Gesellschaft immer weiter auseinanderklaffe. "Ich will dafür eintreten, dass es nicht zu einem Riss kommt", unterstreicht die 57-Jährige. Sie ist überzeugt, dass ein Zusammenleben nur mit Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität gelingen kann. Daher will sie das Ohr am Menschen haben - nicht nur im Wahlkampf.

Bundestagsticket über Direktmandat

Wird ihr das gelingen, wenn sie nicht im Wahlkreis lebt? Die Wahl-Stuttgarterin, die im Jahr 1977 aus Niedersachsen in den Südwesten zog, sieht da keinerlei Probleme: "Es gibt so viele Menschen, die täglich nach Stuttgart pendeln. Ich kann meine Aufgaben auch von dort aus verantwortungsvoll erfüllen." Zudem werde sie im Falle einer Wahl ja auch häufig nach Berlin reisen. Am liebsten würde Heike Baehrens das Bundestagsticket über das Direktmandat lösen, "wenn die Bürger sagen, sie wollen mich". Auf der Landesliste nimmt die 57-Jährige Platz 16 ein - "sicher ist das natürlich nicht".

Heike Baehrens will bis zum Schluss kämpfen und im Landkreis "Klinken putzen". Viel Zeit für ihre Hobbys - Walken und Tischtennis zum Beispiel - bleibe derzeit nicht. Aber die 57-Jährige, die sich als "bewegungsfreudigen Menschen" bezeichnet, ist ja trotzdem viel unterwegs und an der frischen Luft. Von Haustür zu Haustür, mit einer Rose in der Hand und einem offenen Ohr für die Menschen.

Zwischen Theater und Motorrad-Tour