Wäschenbeuren Hausbesetzer auf der Burg

SABINE ACKERMANN 06.08.2012
Authentisches Mittelalter war am Wochenende im Wäscherschloss zu erleben. Für zwei Tage hielten Mägde, Knechte, Handwerker, ein Schreiber und die Ritterfamilie Einzug. Die Mitglieder der Mittelaltergruppe "Familie Swevia" zeigten den Besuchern, wie sich der Alltag früher in einer Burg abgespielt hat.

 „Papa, warum ist an dem Kuli eine Feder dran“, will der sechsjährige Niklas wissen? Kein Problem – Schreiber Jens ist sofort zur Stelle. Gerne zeigt er alte Schriften und erklärt, wie mühsam, aber auch ungemein wichtig einst diese Schreibkunst war. Nichtgeistliche Schreiberei aus dem Lehnsbuch des Reichsministerialen Werner II. von Bolanden, um 1189/90: „Quoniam generatiopreterut et generatio advenit, idcirco cuncta oblivione teguntur, que litterarum amminiculo non fulciuntur“ – heißt übersetzt: „Wenn eine Generation gegangen ist und eine (neue) gekommen ist, geht all das in Vergessenheit, was durch der Buchstaben Beistand nicht gestützt wird.“ Dies zeigt deutlich, welche Bedeutung das Schrifttum auch für einen zugegebenermaßen hochstehenden Ministerialen um 1200 nach Christus spielen konnte.

Ob der Beruf dieses Gelehrten, bei den Waffen, der Rüstung, verschiedenen Werkzeugen oder nützlichen „Haushaltshelfern“ und natürlich die Kleidung – die „Schwäbische Hausgemeinschaft“ legt allergrößten Wert auf Authentizität. Der Name der Gruppe „Familie Swevia“ leitet sich aus dem Lateinischen ab. Die „Schwäbische Hausgemeinschaft“ gehört quasi zum untern Rand der oberen Gesellschaft und bildet zusammen den Hof eines Ritters von niederem Adel. „Wir sehen uns als lebendiges Museum und freuen uns über viele Gespräche mit den Besuchern. Sie fragen – wir erzählen von unseren Aufgaben, erklären die Arbeit und berichten aus dem entbehrungsreichen Leben jener Epoche, so gut wie wir es eben können“, verrät der Ministeriale Fabian Brenker, der nicht nur bei seiner Familia das Sagen hat, sondern diese 2006 auch gründete.

Fast alle Mitglieder wohnen wie ihr Initiator rund um Waiblingen. Ungefähr 30 Tage pro Jahr zieht das knappe Dutzend durch süddeutsche Lande, um das Leben zwischen 1200 und 1210 nach Christus so detailgetreu und lebendig wie möglich darzustellen und ihr umfassend-fundiertes Wissen weiterzuvermitteln. Am wichtigsten sei ihnen dabei, einen Ausschnitt aus der Gesellschaft zu demonstrieren, wie sie im frühen 13. Jahrhundert im Herzogtum Schwaben üblich gewesen sein könnte. Dabei achten sie zum einen, was die Herrschaft mit dem Gesinde verbindet und zum anderen, was beide Schichten voneinander trennt. „Obendrein gibt es jede Menge alte Handwerkskunst zu sehen“, betont der 22-jährige Archäologie- und Geschichtsstudent.

Bewusst hat sich die Gruppe, denen Mittelalter „spielen“ viel zu wenig ist, diese Dekade herausgesucht, in welcher der rechtsmäßige Staufer-Thronfolger Friedrich II in Sizilien festsaß. „Das ist eine Dauberschale, ein aus Fichtenholz gefertigtes Gefäß, das mit einem dünnen geflochtenen Weidenrutenring ummantelt und mit Birkenpech abgedichtet bist“, zeigt „Böttcher“ Jörg Schaal stolz sein 800 Jahre altes Trinkglas und fügt lachend hinzu: „Zugegeben, vier, fünf Versuche habe ich schon dazu gebraucht, bis die Flüssigkeit endlich im Becher blieb.“

Die ungewöhnliche Zeitreise kommt bei den „Jetzigen“ prima an. Vor allem der „Waffentisch“ hat es den Männern angetan. „Das Schwert ist neben der Lanze die typische Waffe eines Ritters und freilich um einiges teurer als der Streitkolben“, erklärt Kriegsknecht Torsten. So war die Herstellung eines Schwertes damals sehr zeitaufwändig. Um die Klinge elastisch und trotzdem schnittfest zu machen, bedurfte es viel Schmiedeerfahrung und Zeit. Auch das Färben von Wolle, Baumwolle oder Leinen dauerte recht lang. Zuerst mussten ja alle Naturmaterialen wie Gallapfel (befruchtete Eier der gemeinen Eichengallwespe), Birkenblätter oder Zwiebelschalen gesammelt werden. Auch Indigo, neben Krapp und Reseda einer der ältesten pflanzlichen Farbstoffe, kannte man damals schon. „Je dunkler die Farben der Kleidung, umso wohlhabender die Träger“, weiß Magd Tanja zu berichten.

Ob früher alles besser war? – Das hatten die Besucher freilich selbst zu entscheiden. „Mir gefällt es hier auf jeden Fall prima und ich finde es sehr lobenswert, dass die jungen Leute sich dafür freiwillig die Zeit nehmen. Sehr selten so ein Engagement“, lobt Frieda Eichenbrenner aus Uhingen.

Einen Einblick ins „Familia-Leben“ gibt es heute noch von 13 Uhr bis 17 Uhr.