Harte Zeiten für fromme Frauen

JOHANNES VON DER GATHEN, DPA 18.12.2014
Ein Outlaw und eine fromme Farmerin machen sich auf einen gefährlichen Treck. Tommy Lee Jones Western punktet mit starken Darstellern.

Der klassische Western war eine Männerdomäne. Frauen galten als das schwache Geschlecht: zarte, oft widerspenstige Geschöpfe, die von Vaterfiguren wie John Wayne beschützt und gezähmt wurden. Jetzt rücken Frauen in den Fokus des Genres. Die US-Regisseurin Kelly Reichardt erzählte ihre Planwagen-Saga "Auf dem Weg nach Oregon" (2010) aus weiblicher Perspektive, und auch Tommy Lee Jones hat sich nun bei "The Homesman" für eine Protagonistin entschieden, die man als Zuschauer so schnell nicht wieder vergisst.

Mary Bee Cuddy (großartig: Hilary Swank) ist eine fleißige, gottesfürchtige Farmerin Anfang dreißig, die allein auf ihrer Ranch lebt. Gerne würde sie heiraten, aber im rauen Nebraska findet sich einfach kein passender Mann für die kultivierte Dame. Die Zeiten sind hart. Das Vieh krepiert, die Saat geht nicht auf. Drei Frauen aus der Gemeinde sind durch die Härten dieses Lebens wahnsinnig geworden. Mit dem Segen des Reverend (John Lithgow) soll Mary Bee die hilflosen Geschöpfe zurück in die Zivilisation bringen. Auf ihrem Treck wird sie von dem ungehobelten Outlaw George Briggs (Tommy Lee Jones) begleitet, den sie zuvor vor dem Galgen gerettet hat.

"Sie ziehen nicht nach Westen, um zu erobern, sondern gehen nach Osten, um zu überleben", sagte Tommy Lee Jones in einem Interview mit der "New York Times". "The Homesman" sei kein Western, sondern ein Film über die Geschichte der Frauen in seiner Familie. "Ich glaube nicht, dass es da eine gab, die nicht wegen ihres Geschlechts diskriminiert wurde", meint Jones.

Oscarpreisträgerin Hilary Swank ("Million Dollar Baby") spielt die Powerfrau Mary Bee mit Hingabe und absolut überzeugend. Wenn sie auf ihrem Tischtuch in Gedanken Klavier spielt, dann kann man die Musik auf ihrem Gesicht ablesen. Swank gelingt die heikle Balance zwischen schrulliger Nächstenliebe und eisernem Willen.

Tommy Lee Jones gibt routiniert den zerknitterten Rumtreiber, der ebenso garstig und zynisch wie auch empfindsam und liebevoll sein kann. In seinem zerfurchten Gesicht scheint sich jede Niederlage eingegraben zu haben. Aber dieser Typ weiß aus Erfahrung, dass Überleben im wilden Westen kein einfacher Job ist.

Tommy Lee Jones' Film zeichnet ein düsteres Bild der amerikanischen Eroberung des Kontinents. Die Menschen sind verhärtet und egoistisch. Das Recht des Stärkeren dominiert alles andere. Barmherzigkeit ist selten geworden, eine Ausnahme bildet die Pastorenfrau Altha Carter (Meryl Streep). Info F/USA 2014, 122 Min., FSK 16.