Göppingen Harmonie über Göppingen

Göppingen / PABLO LAWALL 28.03.2013
15 Spitzenmusiker - zwölf junge Streicher und ihre Dozenten - üben derzeit bei der Hohenstaufener Kammermusik-Akademie im Feriendomizil der Familie Rilling ein Konzertprogramm der Extraklasse ein.

Während Göppingen mit seiner Hektik unter einer Nebeldecke begraben liegt, scheint die Welt in Hohenstaufen noch in Ordnung. Nach einer erholsamen Nacht im Hotel Ochsen haben sich die Stipendiaten im Hause Rilling versammelt. Die einen stärken sich noch in der Küche, die anderen sitzen bereits im Wohnzimmer und üben. Sie spielen Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8.

Durch die Glasfront im Wohnzimmer genießt man einen Ausblick über Filstal und Alb. Vor diesem Panorama beginnen die jungen Musiker den ersten Satz. Zu Anfang noch etwas quietschig und dissonant, sehr bald aber harmonisch und wie aus einem Guss. Das Quartett besteht aus Gili Radian aus Israel und Lisa Steiner aus Göppingen an der Geige, Eytan Edri (Bratsche), ebenfalls aus Israel, und Jana Semaan (Cello) aus dem Libanon. "Das ist keine Selbstverständlichkeit, dass Leute aus Israel und dem Libanon nebeneinander sitzen", betont Akademieleiter Ulrich Grill. "Die schlagen sich beim Proben die Köpfe ein" - dies bezieht Grill aber nicht auf die Herkunft der Teilnehmer, sondern auf ihren musikalischen Perfektionismus. "Wegen drei Noten schlagen die sich die Köpfe ein." Sonst verläuft alles ausgesprochen harmonisch. "Jeder bekommt musikalische Einflüsse aus anderen Kulturen. Das ist wichtig für junge Musiker", erklärt Dozentin Sara Rilling.

Der erste Satz des Schostakowitsch-Quartetts ist gediegen. Mächtig und tief - Moll eben. Die Geige setzt mit einer chromatisch fallenden Linie ein - schön eigentlich. Doch Gili Radian schüttelt den Kopf: "No!". Die anderen lachen und stimmen ihr zu. "I dont feel the connection", heißt es dann. Die selbe Stelle wird nochmals gespielt. Sie klingt immer noch schön, aber eben ein bisschen anders. Sara Rilling hat jetzt auf dem Sofa Platz genommen. Von dort gibt sie Instruktionen. Das Stück dröhnt tief und getragen vor sich hin. Plötzlich holt Gili mit ihrem Bogen aus, und aus dem lethargischen Stück wird ein schnelles hektisches Streitgespräch der Geigen - der zweite Satz beginnt. Schostakowitsch versah sein Werk mit der Widmung "Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges". Im zweiten Satz geht es um Krieg - jemand flieht. Gili ist unzufrieden mit dem Tempo und prescht voran. Sie werden immer schneller, bis sich einer verspielt. Wieder lachen alle. Durch die hektisch gespielte Passage wandert ein Motiv durch alle Stimmen und wird imitiert Es ist das Schostakowitsch-Motiv: D-Es-C-H. Die Anfangsbuchstaben seines Namens. Immer wieder wird unterbrochen und an Details gefeilt. "It doesn"t have to be beautiful, maybe like gunshots." Nicht schön, eher wie Schüsse soll es klingen, meint Sara Rilling. Der Satz endet mit einem plötzlichen Halbschluss. Sofort setzt ein leichter Walzer ein: Zu fröhlich für Krieg. Sara Rilling unterbricht. Es will aber nicht auf Anhieb gelingen, den Musikern in allen Sprachen die Stimmung des Satzes zu vermitteln. Nach einigen fiesen Grimassen ist schließlich allen klar, wie man es macht.

Im Untergeschoss hat José Gabriel Pina Einzelunterricht bei Dozent Simon Gollo. Beide stammen aus Venezuela. Nebenan, im Hause Grill, wird Schuberts Streichquintett unter der Leitung von Elena Cheah geübt. Gegen halb zwölf versammeln sich dann alle zum Mittagessen in der Küche der Rillings. "Alles hat gut geklappt und wir haben den zweiten Satz komplett durchgespielt", berichtet Elena Cheah. "Es ist aber unmöglich in einer Probe alles auszuschöpfen, was so ein Stück zu bieten hat. Da müsste man unendlich weiterproben."

Die Instrumente werden für einige Momente aus der Hand gelegt, um sich zu stärken. Später wird weiter geprobt, bis spät in die Nacht.

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