Kreis Göppingen Gutachten: Aufwind für Trassen-Gegner

Protestplakate gegen die Stromtrasse in Wäschenbeuren: Werden Sie bald überflüssig? Ein Gutachter meint jedenfalls, die Leitung sei unnötig.
Protestplakate gegen die Stromtrasse in Wäschenbeuren: Werden Sie bald überflüssig? Ein Gutachter meint jedenfalls, die Leitung sei unnötig. © Foto: Giacinto Carlucci
Kreis Göppingen / DIRK HÜLSER 25.07.2014
Das Gutachten über die Notwendigkeit der Stromtrasse durch den Schurwald löst bei den Gegnern Freude aus. Es besagt, dass die geplante Leitung überflüssig ist. Netzbetreiber Transnet BW schweigt vorerst.

"Was soll ich sagen? Ich bin überglücklich!" Karl Vesenmaier ist Bürgermeister von Wäschenbeuren und einer der engagiertesten Gegner der geplanten Höchstspannungsleitung von Goldshöfe bei Aalen nach Bünzwangen. Die Trasse würde voraussichtlich auch die Gemarkung seiner Gemeinde tangieren - und ebenso wie die Bürgermeister der anderen betroffenen Schurwaldgemeinden kann Vesenmaier darauf getrost verzichten.

Der Grund für die Freude des Rathauschefs ist ein Gutachten zur Notwendigkeit der Trasse, das Professor Heinz Stigler von der Technischen Universität Graz erstellt hat. In Auftrag gegeben hatte es die Interkommunale Interessensgemeinschaft, die sich aus dem Ostalbkreis, den Kreisen Göppingen und Rems-Murr-Kreis sowie den betroffenen Gemeinden gebildet hat. An der Auswahl des Gutachters war auch die Bundesnetzagentur beteiligt.

Stigler kommt zu dem Schluss: "Auf Basis der dargelegten Rahmenbedingungen und Annahmen ergibt sich entsprechend der durchgeführten Berechnungen kein zwingender elektrizitatswirtschaftlicher Bedarf an der Errichtung der 380-kV-Leitung von Bünzwangen nach Goldshöfe." Für die Notwendigkeit einer Leitung legt die Bundesnetzagentur eine maximale Auslastung von 20 Prozent zugrunde - Stigler kam in seinen Berechnungen für die umstrittene Trasse auf lediglich 17 Prozent, die mittlere Auslastung betrage sechs Prozent. Der bei der Gutachtenvergabe federführende Ostalb-Landrat Klaus Pavel sieht sich in dem Ergebnis des Gutachtens bestätigt und fordert vom Bund und der Bundesnetzagentur, die Leitung aus dem Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen (Enlag) zu streichen. Auch geht er davon aus, dass Netzbetreiber Transnet BW - ein Tochterunternehmen der ENBW - das Ergebnis des Gutachtens bei den weiteren Planungen berücksichtigt.

Transnet-Sprecherin Regina König will sich zum Gutachten und zum weiteren Vorgehen aber noch nicht näher äußern: "Wir wollen es erst ordentlich angucken, bevor wir Stellung nehmen." Sie verspricht aber: "Wir werden es auf jeden Fall durchlesen und berücksichtigen." Bürgermeister Vesenmaier glaubt hingegen, dass der Netzbetreiber sehr wohl schon Bescheid wisse: "Ich gehe davon aus, Transnet hat es schon durchgelesen. Aber wahrscheinlich müssen sie es ein zweites Mal lesen, weil sie so haben schlucken müssen." Er freut sich jedenfalls, dass das Gutachten in Auftrag gegeben wurde, obwohl Transnet BW die Planungen für dieses Jahr ausgesetzt hat. Und auch 2015 werde das Papier des Experten nicht überholt sein, "zumindest nicht grundlegend".

Freude auch bei den Bürgerinitiativen (BI), die gegen das Projekt kämpfen. So meint Karin Hess von der BI Börtlinger Weitsicht: "Dieses Gutachten ist ein zwingender Anhaltspunkt für eine schnelle Änderung des Gesetzes zum Ausbau von Energieleitungen." Am Sonntag treffen sich die Bürgerinitiativen der drei Landkreise, um die Ergebnisse des Papiers zu diskutieren.

Erste Reaktionen gibt es auch aus der Politik - das Gesetz kann nur der Bundestag ändern. Die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens fühlt sich in ihrer Skepsis bestätigt: "Es war ein Fehler, dass die Notwendigkeit der Leitung 2012 von der schwarz-gelben Bundesregierung nicht - wie im Gesetz vorgesehen - ordentlich geprüft wurde. Das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur müssen dies nun dringend nachholen."

KOMMENTAR STROMTRASSE: Überflüssig

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