Porträt Großzügig und geprägt von der  christlichen Nächstenliebe

Anna von Sprewitz: Ihr Herz gehörte dem Heiland, ihr Leben wollte sie  „ganz und gar seinem Dienste weihen“.
Anna von Sprewitz: Ihr Herz gehörte dem Heiland, ihr Leben wollte sie  „ganz und gar seinem Dienste weihen“. © Foto: Haas
Jebenhausen / Von Margit Haas 18.08.2018

Sie gab die Predigten und Abendgebete von Christoph Blumhardt nach dessen Tod heraus, war ihm bereits zu Lebzeiten eine Stütze, gründete mit ihm gemeinsam die Stiftung Wieseneck und wurde 1913 Ehrenbürgerin von Jebenhausen. Anna von Sprewitz war Zeit ihres Lebens großzügig und geprägt von der tätigen christlichen Nächstenliebe.

Es waren besonders tragische Umstände, die ihren Tod begleiteten. Sie hatte eintausend Mark hinterlegt. Davon sollte ihre Bestattung bezahlt werden. Als sie im Januar 1923 verstarb, hatte die Geldentwertung aber bereits ungeheure Werte zerstört. Und so reichten auch weitere 30 000 Mark aus ihrem Vermögen nicht aus, die unglaubliche Summe von fast 114 000 Mark Beerdigungskosten zu begleichen. Freunde sprangen ein. Der größere der Geldbeträge sollte eigentlich in die von ihr gemeinsam mit Pfarrer Christoph Blumhardt gegründete Stiftung fließen. 1913, als die beiden die Stiftung ins Leben gerufen hatten, war dies noch ein beträchtlicher Betrag gewesen.

Wer war diese Anna von Sprewitz, die, zur Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, einen der wenigen Wege einschlug, die es Frauen ermöglichten, eine einigermaßen selbstbestimmte Biographie zu leben? Am 12. September 1847 wurde sie als jüngstes von sechs Kindern in Güstrow in Mecklenburg geboren. Ihr Vater war Offizier und Jurist. Er betreute in einer Resozialisierungsanstalt über 40 Jahre lang Heimatlose, entlassene Verbrecher und Bettler. Sie galt als eigensinnig und kontaktarm. „Ich war ein wenig liebenswürdiges Kind“, räumte sie selbst ein. „Der Mangel an gleichaltrigen oder jüngeren Geschwistern machte sich bei mir durch mein ganzes Leben hindurch geltend“, stellte sie in ihrem „Eigenhändigen Lebenslauf“, verfasst im Jahre 1920, fest. Denn drei Geschwister verstarben bereits als Kinder, zwei Schwestern waren wesentlich älter. Ihre christliche Prägung durch das Elternhaus wurde noch durch eine geliebte Lehrerin verstärkt.

In der Anstalt arbeitete sie im Haushalt ebenso mit wie in der Landwirtschaft oder im Garten. Ihre praktischen Fähigkeiten waren also sehr umfassend. Zum Heiraten verspürte sie als junge Frau „gar keine Neigung“. Den Vergleich mit dem „geistreichen Vater“ konnte kein Bewerber bestehen. „Von dieser Zeit an gehörte mein Herz noch klarer und bewusster dem Heiland alleine. Es gab für mich nur eins: mein Leben ganz und gar seinem Dienste zu weihen.“ Sie ließ sich ausbilden, wurde zunächst Gemeindeschwester, ging in ihrer Arbeit auf. In ihren Erinnerungen beschrieb sie eindrücklich die Not und Verzweiflung der Armen, die mangelnde medizinische Versorgung. „In einem Hause, in das ich gerufen wurde, standen zwei Kindersärge auf dem Flur und im Zimmer rangen zwei andere Kinder mit dem Tod.“

Sie mutete sich zu viel zu und wurde selbst lungenkrank. Eine lange Rekonvaleszenz folgte. Nach einer kurzen Phase als Anleiterin von künftigen Diakonissinnen siedelte sie nach Hamburg um, betreute auf der Reeperbahn „gefallene und gefährdete Mädchen“. Wieder wurde sie schwerkrank, verfiel in eine Depression. Auf der Suche nach Heilung kam sie ins Heilbad nach Boll und war schnell überzeugt: „Gott wohnt an diesem Ort.“

Es war der Geist Christoph Blumhardts, der sie in den Bann zog. Immer wieder kehrte sie in den folgenden Jahren nach Boll zurück. 1895 blieb sie, führte mit Blumhardt lange Gespräche und erkannte in ihm einen Seelenverwandten. Zunächst betreute sie psychisch Kranke, dann übernahm sie die wirtschaftliche Leitung der Einrichtung. „Geschickt und umsichtig führte Anna von Sprewitz die Geschäfte und den Haushalt“, hat Dr. Anton Hegele in der Ortschronik von Jebenhausen festgehalten.

Pfarrer Blumhardt wurde sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter, reiste nach Palästina und kam malariakrank zurück. Anna von Sprewitz erwarb die Jebenhäuser Villa Wieseneck, die sich der „Kaiser der Tenöre“ des 19. Jahrhunderts, der jüdische Sänger Heinrich Sontheim, hatte bauen lassen. Hier betreute sie den kranken Blumhardt und gründete mit ihm 1913 die Stiftung Wieseneck. Sie kümmerte sich um die Kinder der Arbeiterfamilien, die unbeaufsichtigt und unversorgt ihre Tage verbrachten. Auch hier kam wieder ihr haushälterisches Talent zu Geltung.

Nach dem Tode Blumhardts im Sommer 1919 setzte sie sein Werk fort. „Sie gab Predigten und Abendgebete heraus, überwachte die Herausgabe der zweiten Auflage der Hausandachten und unterstützte zahlreiche Autoren, die über Vater und Sohn Blumhardt forschten und veröffentlichten“, so Dr. Hegele. Sie setzte sich auch dafür ein, dass das Heilbad in Boll, das Blumhardts Vater 1842 gekauft hatte, an die Herrnhuter Brüdergemeine überging. „Diese Vereinigung ist von Gott gekommen, er hat sie gewollt“, schrieb sie nieder.

Als sie am 26. Januar 1923 im Alter von 76 Jahren starb, klangen aus den zahlreichen Nachrufen „die Verehrung und Dankbarkeit für die außergewöhnliche Persönlichkeit der Verstorbenen und ihre zahllosen Verdienste für die Allgemeinheit und die hiesige Gemeinde heraus“, schrieb die Göppinger Zeitung. Die Gemeinde hat eine Straße nach ihrer Ehrenbürgerin benannt.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis Göppingen seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Reihe „Starke Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin und Sportlerin oder Engagement im Ehrenamt – die Serie zeigt Frauen und ihre Arbeit.

Bisher wurden Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz- Döring, Marga Lorch, Renate Mutschler, Birgit Göser, Gabriele von Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia Schäfer-Mayer, Margret Keller-Rehm, Marianne Rasch, Melanie Schulze, Sandra Skutta, Elnora Hummel, Elisabeth Sigmund, Friederike Wackler, Astrid Vöhringer, Gudrun Lamparter, Anna von Sprewitz, Susanne Gieler-Breßmer und Anneliese Hermes vorgestellt.

Kooperation Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat sowie der Geislinger Zeitung.

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