Freizeit Sieg: Kevin Feddersen ist Meister der Tanz-Karaoke

Kevin Feddersen beim Tanzen im Wohnzimmer.
Kevin Feddersen beim Tanzen im Wohnzimmer. © Foto: dpa
Christine Frischke 28.12.2017
Kevin Feddersen hat die nationale Meisterschaft in „Just Dance“ gewonnen und eine Trophäe als bester Tänzer Deutschlands erhalten.

Für seinen großen Auftritt hat Kevin Feddersen das mit Abstand schrillste Outfit gewählt. Die Menge johlt, als er mit psychedelisch gemusterter Hose und einer Jacke in leuchtenden Neonfarben auf die Bühne tritt. „Ich will meine offene, bunte Seite zeigen“, sagt er strahlend ins Mikrofon. Vielleicht hat er die Zuschauer in diesem Moment bereits für sich gewonnen. Denn später werden sie ihn mit ihrem Votum in die nächste Runde retten. Doch erst mal bereut er seine Kleiderwahl. Kaum beginnt er zu tanzen, rinnt ihm der Schweiß. „Man, war mir heiß.“

Feddersen wird an diesem Abend mit einer kiloschweren Trophäe nach Hause gehen, die ihn als besten Tänzer Deutschlands auszeichnet. Und das bei einem Wettbewerb, von dem die meisten wohl noch nie gehört haben. Der großgewachsene blonde Kerl, 22 Jahre alt, hat die nationale Meisterschaft von „Just Dance“ gewonnen, einem Videospiel des Konzerns Ubisoft. In der Wohnung der Eltern in Göppingen stapeln sich fast 20 verschiedene Spielhüllen. Er hat sich sogar japanische Versionen besorgt, weil er die asiatischen Popsongs mag und die Choreografien schwieriger sind.

Tanz-Karaoke am Bildschirm

„Just Dance“ muss man sich vorstellen wie Karaoke – nur mit Bewegungen. Der Spieler imitiert dabei die Bewegungen, die eine Figur auf dem Bildschirm vortanzt. Je besser das gelingt, desto mehr Punkte gibt es. Am Mittwoch wurde erstmals ein Meisterschaftsfinale im Fernsehen auf dem Disney Channel gezeigt. Zwei Frauen und sechs Männer tanzten um den Titel. In Duellen setzte sich durch, wer die meisten Punkte hatte, Jury oder Publikum für sich begeistern konnte.

Wenn Feddersen trainiert, schlüpft er in Sportklamotten, rückt den Couchtisch näher ans Sofa, um mehr Platz zu haben, und stellt sich sockig auf den grauen Wohnzimmerteppich. Zu Songs von Lady Gaga, Beyoncé, den Black Eyed Peas oder Michael Jackson lässt er die Hüften kreisen, reißt die Arme hoch und schüttelt den ganzen Körper. Meist hat er kein Publikum. Nur seine Wellensittiche Nami und Sanji stimmen pfeifend ein, sobald die Musik einsetzt.

Tanzen als Workout

Sein erstes Spiel legte er sich 2009 zu. Er kam gerade mit seinen Eltern aus dem Urlaub, hatte noch etwas Taschengeld und außerdem einen Entschluss gefasst: Er wollte abnehmen. Feddersen wog damals noch über hundert Kilogramm. Seine Eltern wunderten sich nicht, dass ihr Sohn ausgerechnet mit einem Videospiel abnehmen wollte. Sie ließen ihn gewähren. Bis heute habe er 40 Kilo abgenommen, sagt er. Dafür stellte er seine Ernährung um und tanzte fast jeden Tag. „Das Spiel hat mir definitiv geholfen.“

Die meisten Freunde kennen seine Leidenschaft, ebenso seine Kollegen. Feddersen arbeitet als Einzelhandelskaufmann in einem Baumarkt. Läuft ein bekannter Song im Radio, kann es schon mal passieren, dass er plötzlich eine kleine Tanzeinlage hinlegt. „Für mich ist das wie ein Eintritt in eine andere Welt“, sagt er. „Bei der Arbeit muss ich umswitchen, anders auftreten als beim Spielen.“
Als klar war, dass er im Fernsehen tanzen würde, begann er nach Feierabend stundenlang zu trainieren. Oft bis nach Mitternacht studierte er Choreografien vor dem Bildschirm ein. Dabei hatte es zunächst danach ausgesehen, als hätte er den Einzug ins Finale verpasst. Bei der Online-Qualifikation landete er auf Platz fünf, doch nur die ersten vier kamen weiter. Er versuchte es bei einem Live-Event in Köln, aber auch hier reichte es nicht unter die Top Vier. Sein Glück: Einer der Online-Kandidaten fiel aus, Feddersen rückte nach.

Der Markt für E-Sport, den sportlichen Wettkampf mithilfe von Computerspielen, boomt. Top-Zocker treten mittlerweile vor ausverkauften Hallen gegeneinander an. Dabei zählt der Videotanz für Kevin Rudolf allerdings noch nicht zu den klassischen Titeln. „Ich würde es eher als Fitnesskurs bezeichnen“, sagt er. Immerhin komme man nach zwei, drei Songs ganz schön ins Schwitzen. Rudolf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Deutschen Sporthochschule Köln und forscht zu dem Thema. Fest steht, dass auch Spiele wie “Just Dance“ dazu beitragen, ein Image zu wandeln, das laut Rudolf überholt ist: „Wir kämpfen gegen das Klischee des übergewichtigen Gamers, der allein zu Hause in seiner dunklen Kammer hockt.“ Längst seien viele Spiele interaktiv, und E-Sportler weltweit mit anderen Spielern gut vernetzt.

Feddersen ist ein gutes Beispiel dafür. Die Just-Dance-Community bezeichnet er als große Familie. In einer WhatsApp-Gruppe tauscht er sich mit Spielern aus ganz Deutschland aus, die Jüngste darunter ist 14, der Älteste 56 Jahre. Online misst er sich mit Tänzern aus der ganzen Welt.

Einige davon könnte er bald in Paris treffen. Dort findet im Frühjahr die Weltmeisterschaft in „Just Dance“ statt. Feddersen wird unter anderen auf Herausforderer aus Mexiko, Russland, Australien und Spanien treffen. „Ich hoffe, dass ich die Jury mit meiner Ausstrahlung überzeugen kann, auch wenn ich vielleicht nicht die meisten Punkte hole“, sagt er. „Die erste Runde schaffe ich auf jeden Fall.“