Noch ist der Laden zu, Eröffnung ist erst am Samstag. Doch die Passanten drücken sich am Schaufenster in der Grabenstraße 2 die Nasen platt. „Viele wissen gar nicht, was ein Pfandhaus ist“, sagt Betreiber Eren Darilmaz. Einer wollte hier seine leeren Flaschen abgeben, erzählt der 39-Jährige. Eine Frau wiederum habe das Angebot mit der TV-Sendung „Bares für Rares“ verwechselt, sie wollte ihren alten Schmuck verkaufen. „Aber wir kaufen nichts“, betont Darilmaz.

Pfandleiher gewährt kurzfristiges Darlehen

Ein Pfandleiher gewährt ein kurzfristiges Darlehen gegen ein Pfand, das können Laptops, Küchengeräte, Uhren, Schmuck, aber auch Autos und E-Scooter sein. Ausnahmen sind Tiere und Textilien. „Die Menschen kommen zu uns, weil sie einen finanziellen Engpass haben und schnell Geld brauchen“, erklärt der Geislinger. Vor wenigen Tagen habe eine Frau an die Scheibe geklopft, sie wollte eine Uhr abgeben, weil sie kein Geld mehr hatte, um sich etwas zu essen zu kaufen. Armut, kurzzeitig klamm zu sein – Darilmaz wird künftig von der Notlage anderer Menschen leben: „Das wird sehr gut laufen.“ Hinzu komme die „gute Lage“ des Ladens. „Für mein Geschäft ist das natürlich gut, aber ich sehe immer auch das Schicksal der Leute.“

Man nimmt es dem gepflegten Mann im weißem Hemd und Weste ab. Denn er selbst weiß, wie es ist, wenn sich die Rechnungen stapeln und man nicht mehr weiß, woher das Geld kommen soll. „Ich war früher Autohändler in Geislingen“, erzählt der Mann, der in Nenningen aufgewachsen ist und breites Schwäbisch spricht. Der Dieselskandal habe ihm den Garaus gemacht, die Banken hätten ihm irgendwann den Geldhahn zugedreht. „Und wenn die Firma schlecht läuft, dann hast Du keine Freunde mehr“, fügt er hinzu. Er brauchte Geld für sieben, acht Monate zur Überbrückung, bis die Immobilie verkauft und er wieder flüssig war.

Die nächsten Pfandhäuser in Stuttgart oder Neu-Ulm

Für ihn war damals die einzige Lösung der Weg zum Pfandhaus. Stuttgart oder Neu-Ulm seien die nächsten Möglichkeiten gewesen, sagt er. „Das kostet ja auch wieder Geld, wenn man so weit fahren muss“, sagt er. Doch er musste – im Gepäck eine Münze seines Vaters, die er für acht Wochen im Pfandhaus in Neu-Ulm hinterlegte, bis er wieder Geld hatte.

Aus seiner Notlage entsprang die Geschäftsidee: „Ich habe damals gedacht: So etwas fehlt im Kreis Göppingen“, erinnert er sich. „Und ich habe mir gesagt: Wenn ich wieder flüssig bin, eröffne ich in Göppingen ein Pfandhaus.“ Sein Traum ist wahr geworden: Der gelernte Automobilkaufmann, Kfz-Sachverständige und Wertermittler baute den ehemaligen Photo-Planet-Laden um. Wasseranschlüsse und Elektro sind neu, im Boden sind Geldmünzen eingelassen. Das Inventar bekam er von einem befreundeten Geschäftsmann, der es von einer ausgedienten Kreissparkassenfiliale hatte.

Mit Panzerglas abgetrennt

Das Geschäft ist klimatisiert, die hinteren Büroräume mit Schreibtischen und Schränken sind mit Panzerglas abgetrennt. Die Wertsachen lagern im Tresor, der bis zu 400 000 Euro versichert sei, erzählt der Pfandleiher. Eine Waffe besitzt der 39-Jährige auch – für den Fall der Fälle. Vier verschiedene Wege habe er zur Bank, wenn er schnell Bargeld braucht. Denn aus der Erfahrung anderer Pfandleiher weiß er: „Es kann sein, es kommt zehn Tage niemand und an einem Tag kommen dann 70 Kunden.“

Und wie funktioniert sein Geschäft genau? Wenn jemand kurzfristig Geld brauche, bringe er ein Pfand mit, dessen Verkehrswert er und seine Mitarbeiter schätzen, erklärt der Betreiber. Der Zins und die Bearbeitungsgebühr seien bis 300 Euro gesetzlich geregelt. „Ab 300 Euro wird es individuell und nach Marktlage festgelegt“, sagt Darilmaz. Beispiel: Für ein Pfand im Wert von 300 bis 600 Euro verlangt er für einen Monat einen Prozent Zins und neun Euro Gebühr. Bei 600 bis 1000 Euro sind es 12,30 Euro Gebühr. „Beim einem Kfz kommt noch die Stellplatzgebühr hinzu“, erklärt der 39-Jährige. Es komme gar nicht so selten vor, dass Kunden ihr Auto als Pfand hinterlegen, beispielsweise Geschäftsleute, die einen finanziellen Engpass überbrücken müssten. Darilmaz könne Pfanddarlehen bis zu 15.000 Euro pro Person ausgeben.

Kunde holt Pfand nach drei Monaten ab

Nach drei Monaten holt der Kunde in der Regel sein Pfand wieder ab. Es gebe die Möglichkeit, noch zwei Monate zu verlängern. Dann ist jedoch Schluss, die Ware werde dann versteigert. „Der Mehrwert dieser Versteigerung steht den Kunden dann bis zu zwei Jahren zu“, erklärt der Betreiber.

Wenn Eren Darilmaz über sein neues Geschäft spricht, schwingt Stolz mit. „Es ist das erste Pfandhaus in Göppingen, das legal, mit Erlaubnis, eröffnet“, sagt er. Die Stadt Göppingen bestätigt den einwandfreien Betrieb des Geschäfts: „Der Betreiber hat vom Referat Gewerbe/Gaststätten eine Erlaubnis zum Betrieb des Pfandleihgewerbes nach Paragraf 34, Absatz  1, der Gewerbeordnung erhalten, nachdem die Erlaubnisvoraussetzungen der Gewerbeordnung und der Pfandleihverordnung erfüllt waren“, teilt Pressesprecher Olaf Hinrichsen mit. „Rechtlich ist nichts dagegen zu sagen. Ob es funktioniert, können wir nicht abschätzen“, sagt Hinrichsen. Pfandhäuser seien in der Regel mit einer gewissen Anonymität verbunden: „Ob diese in Göppingen gegeben ist, wird sich erweisen.“

Bedenken in der Nachbarschaft

In der Nachbarschaft habe es gewisse Bedenken gegeben, räumt Darilmaz ein. Aber das Gros der Kunden gehöre der Mittelschicht an, „die kurz davor ist, in die Armut zu stürzen“. Aber auch sogenannte „Poser“, die sich mit einer teuren Uhr in Schulden gestürzt haben, oder Spielsüchtige gehörten dazu. Eren Darilmaz will eng mit der Stadt und der Polizei zusammenarbeiten. Er würde sich freuen, wenn die Beschaffungskriminalität durch sein Pfandleihhaus sinken würde: „Es wäre schön, wenn dadurch kein Jugendlicher mehr einer Oma die Handtasche klaut.“

Das könnte dich auch interessieren:

Stuttgart

Regensburger Pfandleihe ist die älteste Deutschlands


Pfandleiher Der Beruf des Pfandleihers  beruht auf der Gewährung von Gelddarlehen gegen ein Pfandrecht an beweglichen Sachen. Die Bedingungen, unter denen der gewerbliche Betrieb einer Pfandleihe erlaubt ist, werden von verschiedenen Staaten unterschiedlich gesetzlich geregelt. Eine behördliche Erlaubnis ist nötig. Die 1650 gegründete Regensburger Pfandleihe ist die älteste Pfandleihe Deutschlands.

Geschäft Das Göppinger Pfandhaus wird am Samstag, 3. August, in der Grabenstraße 2 eröffnet. Es hat jeden Tag geöffnet, auch samstags. Der Betreiber bietet auch Termine außer Haus an.