Heiningen/Stuttgart Größter Räuber im Jurameer

Bedeutender Saurierfund aus Heiningen: Dr. Rainer Schoch mit dem Fossilien-Puzzle eines sieben bis neun Meter langen Fischsauriers, der im Meer des Braunjurazeitalters der mutmaßlich größte Räuber war. Foto: Staufenpress
Bedeutender Saurierfund aus Heiningen: Dr. Rainer Schoch mit dem Fossilien-Puzzle eines sieben bis neun Meter langen Fischsauriers, der im Meer des Braunjurazeitalters der mutmaßlich größte Räuber war. Foto: Staufenpress
Heiningen/Stuttgart / JÜRGEN SCHÄFER 03.08.2012
Sensation für die Wissenschaft: Ein Saurierfund aus Heiningen entpuppt sich nach 37 Jahren als Beweis, dass große Meeresechsen auch im Braunjura-Zeitalter existierten. Der Fund gehört einer neuen Gattung an.

Ein Saurierfund erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Im April 1975 ist ein Geologie-Student in der Lehmgrube des Ziegelwerks Mohring in Heiningen auf die Versteinerung eines Fischsauriers gestoßen. Die Teile wurden ins Naturkundemuseum nach Stuttgart gebracht, wo sie im Keller schlummerten - zusammen mit tausenden anderen Saurierfunden, wie Dr. Rainer Schoch berichtet. Jetzt hatte das Museum eine der weltweit führenden Spezialisten für Fischsaurier, Dr. Erin Maxwell aus Kanada, zu Gast. Sie hat in einer zweijährigen Forschungarbeit die ganzen Holzmadener Funde untersucht und aufgeschlüsselt, wie viele Arten es da gab und wie sich die Evolution abgespielt haben dürfte. "Dann haben wir gesagt: Wir haben ja auch den Heininger Fund, den präparieren wir doch schon", erzählt Dr. Schoch. Als man "den Burschen dann ausgepackt" hat und einen mächtigen Schädel von anderthalb Metern unerwartet vollständig vor sich hatte, wurde klar: "Das ist ein Tier, das kannten wir gar nicht, das hat mit den Holzmadener Sauriern nichts zu tun." Eine neue Gattung, eine eigene kleine Gruppe von Sauriern tauchte da vor den Augen der Forscher auf, schwärmt Schoch. Die sei 170 bis 175 Millionen Jahren alt - und damit fünf Millionen Jahre jünger als die Holzmadener Exemplare aus dem Schwarzjura. Die Funde aus dem Eislinger Fischsaurierfriedhof sind noch einmal etwa eine Million Jahre älter. Die Größe des Heininger Sauriers ist noch offen: Sie liege zwischen sieben und neun Metern, sagt Schoch.

Jedenfalls aber sei dieser Saurier aus Heiningen die größte bekannte Meeresechse im Braunjurameer gewesen - "und damit auch der größte Räuber". Möglich, dass die neue Gattung nach dem Fundort Heiningen benannt wird. "Ich werde mich dafür einsetzen", sagt Schoch.

Aufhorchen ließ der Fund schon bei der Entdeckung. Der damalige Leiter der Bergung, Dr. Rupert Wild vom Naturkundemuseum Stuttgart, maß dem Fund "große wissenschaftliche Bedeutung" bei. Denn: Ein Skelett von solcher Vollständigkeit sei im braunen Jura bisher einmalig. Damit habe man ein fehlendes Verbindungsglied der Fischsaurier vom älteren schwarzen Jura zum jüngeren weißen Jura. Wild taxierte den Saurierfund auf 160 Millionen Jahre, die Länge auf sechs bis sieben Meter. Es fehle nur das Schwanzende und Teile der "Paddel". Schon damals schrieb die NWZ, der Name Heiningen habe große Chancen, in die Wissenschaft einzugehen.

Der Fund war ein Zufall - und auch wieder nicht. Denn ein Geologie-Student hatte das Rückgrat des Sauriers in der Lehmgrube am Reuschwald entdeckt. Eine ganze Studentengruppe kam damals zur Exkursion nach Heiningen. Das war nichts ungewöhnliches, weiß Ulrich Mohring, Sohn der Ziegelwerks-Betreiber. Die Lehmgrube sei als Fundort von Versteinerungen bekannt gewesen. Oft seien Amateure gekommen, um nach Fossilien zu suchen. Er selbst hat als Kind dort Belemniten und Ammoniten gefunden. Im laufenden Betrieb sei man auch immer wieder auf Fossilien gestoßen und habe dann die Fachleute verständigt. So gelangte ein Skelettrest aus dem Braunjura schon früher ins Naturkundemuseum Stuttgart, ein zweiter ins Museum Hauff nach Holzmaden.

Für den großen Saurierfund 1975 hatte sich Ulrich Mohring nicht besonders interessiert. Als 20-jähriger hatte er mit Geologie nichts am Hut. Jetzt ist er aber schon neugierig, was die Wissenschaftler dazu sagen. Stolz auf den Fund aus dem elterlichen Betrieb ist er nicht: "Ich habs ja nicht gefunden."

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