Integration Grenzerfahrungen in der Flüchtlingsarbeit

Blicken zurück und nach vorne: (von links) Andrea Mönich, Ahmed Alkoud, Gerhild Epping, Renate Müller-Birk und Heike Till.
Blicken zurück und nach vorne: (von links) Andrea Mönich, Ahmed Alkoud, Gerhild Epping, Renate Müller-Birk und Heike Till. © Foto: Susann Schönfelder
Göppingen / Susann Schönfelder 06.07.2018
Der Göppinger Verein „Eins zu Eins“ sieht sich als Wegbegleiter für junge Flüchtlinge. Es gibt viele Erfolge, aber auch Rückschläge.

Ahmed Alkoud strahlt. Gerade hat er eine Klassenarbeit an der Kaufmännischen Schule geschrieben, und die sei gut gelaufen, erzählt der 20-Jährige. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der junge Flüchtling aus Syrien Zufriedenheit ausstrahlt. Ahmed Alkoud scheint in Deutschland angekommen zu sein: „Ich sehe Göppingen als meine Heimat“, sagt er in gutem Deutsch. Er lebt mit einem seiner Brüder in einer Wohnung in Jebenhausen, spielt in Faurndau Fußball und hat einen Ausbildungsplatz zum Bankkaufmann bei der Kreissparkasse in der Tasche – vorausgesetzt, die Noten stimmen im letzten Schuljahr, das noch vor ihm liegt.

Ahmed Alkoud ist ein Beispiel dafür, wie Integration gelingen kann – und zwar nicht nur die berufliche, sondern auch die gesellschaftliche. Seit zwei Jahren betreut ihn der Göppinger Verein „Eins zu Eins“, griff ihm beim Sprachunterricht unter die Arme, vermittelte eine Stelle bei der Wilhelmshilfe, wo der junge Mann aus Damaskus parallel zur Schule den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) absolvierte. Er will auf jeden Fall in Deutschland bleiben.  Auch wenn ihm die Disziplin hier und die Regeln des sozialen Miteinanders anfangs sehr fremd vorkamen: „In Syrien muss man andere bestechen, um etwas zu bekommen.“

„Der Aufwand für eine einzelne Person ist immens, aber notwendig“, sagt Heike Till, zusammen mit Renate Müller-Birk Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins. Und bei Ahmed Alkoud hat sich der Einsatz seines Betreuers augenscheinlich gelohnt. Leitidee von „Eins zu Eins“ sei eine „zielgerichtete und individuelle Förderung sowie ein gelebtes Mit­einander“, unterstreicht Heike Till, „es geht nicht um Masse“. Der Betreuer soll den Teilnehmer bei der Eingliederung in unsere Gesellschaft unterstützen. Dies sei ein langfristiger Prozess, der viele Lebensbereiche umfasse – wie Sprache, Schule/Ausbildung, Arbeitsvermittlung, Gesundheit, Freizeit/Wohnen und Rechtliches.

Der Vorstand war vor gut zwei Jahren recht euphorisch in dieses Unternehmen gestartet. „Heute ist es etwas nüchterner, weil eben auch Erfahrungen dazu kommen“, sagt Gerhild Epping, eine der drei qualifizierten Sprachlehrerinnen, die der Verein gewinnen konnte und die den Flüchtlingen ein bis zwei Mal wöchentlich zusätzlich zu den Integrationskursen Deutsch beibringen. Das Engagement in den Sprachkursen sei sehr hoch, auch wenn die Teilnehmer unterschiedlich schnell Fortschritte machten. Gerhild Epping ist aber rundum zufrieden: „Ich finde es toll, was die in zweieinhalb Jahren lernen.“

Rückschläge musste der Verein jedoch in Sachen Schule und Ausbildung einstecken. In enger Kooperation mit dem Jobcenter konnte „Eins zu Eins“ sieben Praktika, acht Qualifizierungsmaßnahmen und fünf Bufdi-Stellen vermitteln. Die Qualifikationen, die die Flüchtlinge, meist aus Syrien und dem Irak, mitbrachten, reichten an die hiesigen Standards nicht heran, mussten die rührigen Vereinsmitglieder feststellen. Qualifizierungsangebote seien aber mitunter „als lästig empfunden“ worden, „Da haben wir viel Frust erlebt“, berichtet Heike Till. Die jungen Menschen hätten viel Zeit auf der Flucht verloren und wollten nun so schnell wie möglich einen Beruf erlernen. „Da haben wir auch Teilnehmer verloren, die dann einfach jobben gegangen sind.“

Die Resonanz der angefragten Unternehmen sei grundsätzlich sehr positiv gewesen, ergänzt Renate Müller-Birk. „Aber wir haben den Fehler gemacht, dass die Teilnehmer oft zu früh ein Praktikum begonnen haben, da fehlte es noch an der Sprache“, räumt Heike Till ein. Erfahrungen, aus denen der Verein gelernt habe. Unter dem Strich „haben wir im Durchschnitt eine etwas geringere Einsatzbereitschaft erlebt als erwartet“, lautet das Fazit der beiden Vorsitzenden – verbunden mit einer „eher hohen Anspruchshaltung im Hinblick auf die gewünschte berufliche Tätigkeit“.

Die größte Herausforderung sieht der Verein jedoch „im gelebten Miteinander“, berichten Heike Till, Renate Müller-Birk und Andrea Mönich, die sich hauptsächlich um die Betreuer kümmert. „Es gibt fremde und konkurrierende Lebens- und Wertvorstellungen. Bei Gesprächen hierüber müssen beide Seiten Spannungen aushalten können“, heißt es im Tätigkeitsbericht von „Eins zu Eins“. Aus diesem Grund seien einige Betreuungsverhältnisse auch gescheitert. „Man konnte einfach keine Vertrauensebene herstellen“, fasst Heike Till zusammen. „Wenn aber mal eine Bindung da ist, ist sie sehr nachhaltig“, fügt sie hinzu.

Im Umgang mit den unterschiedlichen Kultur- und Wertvorstellungen sei eine professionelle Unterstützung wünschenswert, Gespräche in diese Richtung seien aber bisher erfolglos gewesen. Zudem fehle es an Mitstreitern in der Verwaltung und Organisation, das ehrenamtliche Engagement sei insgesamt zurückgegangen. Daher seien seit Mai 2017 auch keine neuen Teilnehmer aufgenommen worden. Nach der Sommerpause findet die nächste Mitgliederversammlung statt. Bis dahin will der Vorstand weiter nach Mitstreitern suchen. „Sollte dies nicht gelingen, werden wir uns dort über die Konsequenzen unterhalten“, kündigen die Vorsitzenden an. Bestehende Betreuungsverhältnisse sollen aber in jedem Fall fortgeführt werden. Dass sich die Arbeit und Mühe lohnen, zeigt Ahmed Alkoud, der wild entschlossen ist, sein gutes Deutsch noch mehr zu verbessern.

Unterstützung durch die „Guten Taten“

Mitglieder: Der Göppinger Verein „Eins zu Eins“ hat derzeit 25 aktive Mitglieder, bei der Gründung im Mai 2016 waren es 14 gewesen.

Unterstützung: Vier ständige Kooperationspartner unterstützen den Verein: das Jobcenter, die IHK Göppingen, das Christophsbad sowie die Göppinger Anwaltskanzlei Altundag für Migrationsrecht. Darüber hinaus verfügt der Verein nach eigenen Angaben über ein breites Netzwerk an Arbeitgebern und Migrationsdiensten, die ihn unterstützen.

Begleitung: In den ersten knapp zwei Jahren begleitete der Verein 22 ganz unterschiedliche Menschen, teilweise mit hohen Bildungsabschlüssen, aber auch Schulabgänger, Frauen wie Männer. Der jüngste Teilnehmer ist 16 Jahre alt, die älteste 50. Derzeit gibt es elf aktive Betreuungsverhältnisse, davon bestehen acht bereits länger als ein Jahr. Der ehrenamtliche Mentor investiert bis zu sechs Stunden pro Woche in die Betreuung. Seit Mai 2017 nimmt „Eins zu Eins“ keine neuen Teilnehmer auf, weil es an Mitstreitern fehle.

Gute Taten: Die NWZ-Aktion „Gute Taten“ hat den Verein mit 5000 Euro unterstützt. Das Geld floss unter anderem in Fahrtkosten und in die Sprachförderung für die Flüchtlinge.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel