Spiegelglatt ist der Bodensee. Es weht kaum ein Lüftchen, die Sonne kämpft sich immer wieder durch die Schäfchenwolken. Das monotone Brummen des Schiffsmotors wirkt entspannend, bei einer Geschwindigkeit von etwa 15 Kilometern pro Stunde pflügt sich das schwere Polizeiboot, SPB 23, durch das grün-blau schimmernde Wasser. Möwen schaukeln auf den leichten Wellen und warten darauf, dass etwas für sie abfällt.

Kapitän Thomas Frevel und Wolfgang Ochner, Leiter der Wasserschutzpolizeidirektion (WSP) in Baden-Württemberg, sind gar nicht so glücklich über das traumhafte Urlaubswetter an diesem Tag. „Es täuscht darüber hinweg, unter welchen Bedingungen wir oft arbeiten“, sagt Ochner. Die Beamten der Wasserschutzpolizei, die seit der Reform im Jahr 2014 beim Polizeipräsidium Einsatz mit Sitz in Göppingen angesiedelt ist, müssen bei jedem Wetter und unter widrigsten Umständen raus: Wenn bei Sturm der Bodensee über zwei Meter hohe Wellen schlägt. Oder wenn „das kalte, stinkende Gewässer“ eine Leiche verschluckt hat. Oder wenn Taucher zusammen mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst nach Sprengsätzen suchen, obwohl sie die Hand vor Augen nicht sehen.

260 Beamte für riesengroßen Bereich zuständig

„Die Wasserschutzpolizei ist für einen riesengroßen, vielfältigen Bereich zuständig“, fasst der Chef zusammen. Die 260 Beamten an neun Wasserschutzpolizei-Stationen kümmern sich darum, dass zu Wasser alles mit rechten Dingen zugeht. 400 Kilometer Rhein, 200 Kilometer Neckar und zwei Drittel des Bodensees müssen die Polizisten der WSP im Auge haben. Am Standort Kehl gibt es gar die einzige operative Wasserschutzpolizei in ganz Europa, bei der die Kollegen länder­übergreifend zusammenarbeiten, sagt Wolfgang Ochner nicht ohne Stolz. Doch auch am Bodensee funktioniere die grenzüberschreitende Kooperation reibungslos und unbürokratisch. „Wer den Notruf entgegennimmt, hat den Hut auf. Die anderen ordnen sich unter“, erklärt Ochner.

In der kleinen Dienststelle in Überlingens Innenstadt, direkt am Wasser, zählt der Leiter der WSP vor dem Ausflug mit dem Boot die umfangreichen Aufgaben auf: Auf Rhein und Neckar kümmern sich die Beamten um die Sicherheit, schließlich sei der Rhein eine der meist befahrenen Binnenwasserstraßen weltweit. Auch in der Ferienregion Bodensee steht die Sicherheit auf dem Wasser an oberster Stelle. Die Polizei stellt hier den Sturmwarn- und Seenotrettungsdienst, das heißt sie rettet Menschenleben. Zudem steht die WSP bereit bei Großveranstaltungen wie dem Konstanzer Seenachtsfest.

Spezialisten für Umwelt und Gefahrgut

Die WSP hat aber auch Spezia­listen im Bereich Umwelt- und Gefahrgut, diese schauen in Naturschutzgebieten und in Häfen nach dem Rechten. „Hier arbeiten wir eng mit der Hubschrauberstaffel zusammen“, erklärt Ochner. Die Beamten in der Luft beurteilten die Lage von oben und geben per Funk beispielsweise den Ort einer Verschmutzung durch. Letztlich müssten die Polizisten zu Wasser auch fit in Sachen Ausländerrecht sein, da auf den Schiffen Besatzungen aus aller Herren Länder unterwegs seien. Zudem stehen 50 Taucher im Land zur Verfügung, die gerufen werden, wenn in einem Gewässer eine Leiche, eine Waffe, ein versenktes Fahrzeug oder ein Tresor vermutet wird oder DNA-Spuren unter Wasser gesichert werden müssen. „Man kann sagen: Wir sind Serviceleister für die Regional-Präsidien, die diese Mittel nicht haben“, fasst Markus Zengerle, Leiter der Wasserschutzpolizei-Station in Überlingen, zusammen.

Das schwere Polizeiboot, das im Ernstfall eine Spitzengeschwindigkeit von etwa 50 Kilometern pro Stunde erreicht und mit einer Küche, WC und einer Sitzecke ausgestattet ist,  nimmt Kurs auf die Bodensee-Wasserversorgung. Seit dem Anschlag im Jahr 2005 wird dieser drei Kilometer lange und 400 Meter breite Bereich mit Bojen abgesperrt und rund um die Uhr systematisch radarüberwacht, damit nicht noch einmal toxische Stoffe in die Nähe der Entnahmestelle gelangen. „Das Wasser hat Trinkwasserqualität“, sagt Markus Zengerle. „Man kann hier Wasser abschöpfen und sich einen Kaffee kochen.“ Die Wasserschutzpolizei Baden-Württemberg sei sehr wachsam und dulde keine Verschmutzungen. „Wir betreiben da viel Aufklärung. Auch die Anrainer sind in dieser Frage sensibilisiert.“

Kontrolle per Fernglas

Das Boot dreht nach links ab. Kapitän Thomas Frevel steuert den nächsten neuralgischen Punkt an – den Teufelstisch. Der Felsen unter Wasser hat unter Tauchern schon viele Todesopfer gefordert. Frevel ist seit 1981 bei der Wasserschutzpolizei an Bord. „Ich bin mit am längsten hier“, erzählt er. „Tauchen und segeln sind meine Welt.“ Hat er denn schon richtig brenzlige Situationen erlebt? Der Kapitän muss überlegen: „Auf dem Boot nicht, eher beim Tauchen.“

Frevels Kollege Werner Engeser zückt plötzlich sein Fernglas, als ein kleines Motorboot in etwa 50 Metern Entfernung vorbeirauscht. „Ich schaue, ob das Boot eine Zulassungsplakette hat“, erklärt der Bootsführer. Dieser Verkehrsteilnehmer kann seine Fahrt ungestört fortsetzen – alles ist in Ordnung. Frevel und Engeser sind ein Team, wie bei einer Streife auf der Straße sind auch die Bootsführer immer zu zweit, nachts und bei Sturm zu dritt. Bei „rauer See“ sind die Beamten ordentlich gefordert: „Es gibt immer wieder Unbedarfte, die Gewitterstürme unterschätzen“, sagt Werner Engeser. „Sie geraten dann in Panik, die Leine wickelt sich um die Schraube, das Boot kentert, Menschen gehen über Bord“, schildert der Bootsführer ein Szenario. Vor etwa 25 Jahren habe eine hohe Welle die Scheibe eines Polizeiboots eingeschlagen, „aber in eine wirklich gefährliche Situation bin ich noch nicht gekommen“.

An diesem Tag weht nicht einmal ein laues Lüftchen. Die deutsche Flagge an Heck des Polizeiboots 23 hängt schlaff nach unten, als Kapitän Thomas Frevel das Boot in die enge Hafen­einfahrt in Überlingen manövriert. Mittlerweile scheint die Sonne. Werner Engeser verabschiedet sich in den Feierabend. Den Blick von der Promenade auf den spiegelglatten Bodensee genießt er – auch wenn er seit vielen Jahren sein Arbeitsplatz ist.

Zahlen, Daten, Fakten rund um die Wasserschutzpolizei


Unfallstatistik: Im Jahr 2015 gab es auf dem Bodensee insgesamt 194 Unfälle, davon verliefen 19 tödlich. Verletzt wurden 54 Menschen. 148 Menschen wurden aus Seenot gerettet. Insgesamt verzeichnete die Wasserschutzpolizei im Land 115 Unfälle, 35 Verletzte und zehn Tote.

Technik: Der Wasserschutzpolizei am Bodensee steht ein Roboter zur Verfügung, der 251 Meter tief tauchen kann – so tief ist der Bodensee. Das 80 Kilo schwere High-Tech-Gerät kostet 400.000 Euro und ist in Überlingen „stationiert“. Es wird vom Schiff aus bedient und zur Suche nach Vermissten oder der Bergung von Toten eingesetzt. 20 bis 30 Mal im Jahr wird es bei Einsätzen gebraucht – plus Übungen. Auch das Institut für Seeforschung nutzt diesen Roboter. Jede Station der Wasserschutzpolizei hat leichte und schwere Polizeiboote, jedes ist eine Einzel­anfertigung. Die Boote sind etwa 30 Jahre im Einsatz.

Ausbildung: „Die Nachwuchslage ist gut“, sagt WSP-Chef Wolfgang Ochner. Wer Polizist bei der Wasserschutzpolizei am Bodensee werden will, muss zunächst eine siebenwöchige Ausbildung in Überlingen machen. Besteht er die Prüfung, hat er das Bodensee-Patent. Dann folgt die WSP-Schule in Hamburg, anschließend drei Jahre Training mit einem erfahrenen Kollegen. Auch eine technische Prüfung sowie eine Radarausbildung gehörent dazu, bevor ein Beamter ein Polizeiboot fahren darf. Ein Taucher durchläuft ebenfalls eine mehrjährige Ausbildung und muss sich jedes Jahr aufs Neue einem Medizincheck unterziehen.

Der Bodensee: Der ganze Bodensee ist 536 Quadratmeter groß: 63 Kilometer lang, 14 Kilometer breit und 251 Meter tief. Je nach Pegelstand bedeutet das einen Rauminhalt von etwa 48 Milliarden Kubikmeter. Rund 60.000 Boote sind auf dem Bodensee zuge­lassen.