Kleinkunst Grammel lässt die Puppen sprechen

Sascha Grammels erweckt  allerlei kuriose Puppen zum Leben und  bringt sie zum Sprechen.
Sascha Grammels erweckt allerlei kuriose Puppen zum Leben und bringt sie zum Sprechen. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Inge Czemmel 24.04.2018

Ich find’s lustig“ – ist Sascha Grammels Motto, wenn er allerlei kuriose Puppen zum Leben erweckt und mit seiner Bauchrednerkunst zum Sprechen bringt. Die verstopfte Lorcher-Straße und unzählige verzweifelt einen Parkplatz suchende Menschen lassen kurz vor 20 Uhr erahnen: Andere finden es auch lustig. Sascha Grammel und seine schrägen Figuren stehen für Familienunterhaltung, das wird in der nahezu ausverkauften EWS-Arena deutlich. Im Publikum ist Klein und Groß gleichermaßen vertreten. „Mein Programm ist wie ein Luftballon“ kündigt Grammel an, „Bunt, prall gefüllt mit heißer Luft und ein bisschen albern.“

Bevor es ans Beifallüben geht, wird noch das Wort des Tages auserkoren, das sich als einer der Runninggags durchs Programm ziehen wird. „Breschdlingsgsälz“, schlägt eine junge Dame vor. Das Publikum tobt begeistert, ob des schwäbischen Ausdrucks für Erdbeermarmelade, den der Künstler zunächst weder kennt, noch aussprechen kann. Dann tut sich was auf der Bühne, deren Kulisse Grammels Kindheitserinnerungen nachempfunden ist. Vor quietschfarbenen Häusern mit bizarren Dachformen, in denen ein Süßwarenladen, ein Reisebüro und die Grundschule, die er angeblich zwölf Jahre lang besuchte, untergebracht sind, liefert sich Grammel das erste Rededuell mit einer seiner Puppen. Nämlich mit Frederic Freiherr von Furchensumpf, einem zerrupften, nicht sonderlich hell beleuchtet wirkenden, aber höchst selbstbewusstem Adler-Fasan mit großem Latrinum. Das Publikum brüllt vor Lachen als er „mir geht’s nicht gut“ mit Angina Pectoris übersetzt und hat seine helle Freude, als sich auch noch der sprechende Käse der Wahrheit und das magische Auge ins Geschehen mischt. Nicht minder lustig findet es den Auftritt von Dr. Schröder, dem Außerirdischen mit vier Armen, der sich neuerdings als Zahnarzt versucht und Tipps wie „Riecht‘s im Hals nach Rosenkohl, gönn dir einen Schluck Odol“ parat hat und bei Grammel das Bonanzasyndrom – zu deutsch Pferdegebiss  – vermutet.

Gelacht wird auch über Professor Peter Hacke, den anthropomorphen Hamburger mit Spaghetti-Frisur, der stolz berichtet: „Ich kann mir selbst mit dem Finger ins Auge stechen, ohne dass es wehtut. Und das Beste ist: Ich kann sogar anderen mit dem Finger ins Auge stechen, ohne dass es mir weh tut!“ Der absolute Publi-kumsliebling jedoch ist Josie. Als die schüchterne Schildkröte, deren Berufswunsch „Geldautomat“ ist, mit gekonntem Augenaufschlag zuckersüß flötet, dass sie keinen Nucki, sondern einen Bausparvertrag möchte, gibt es kein Halten mehr.

Mit von „Ich-find‘s-lustig-Partie“ ist auch die wohlbekannte Wollsockenpuppe „Außer-Rüdiger“. Ganz neu im Programm ist „Mieze“, ein im Tigerstreifenpullunder gewandeter Fisch, der am Endes seiner Vorstellung beichtet: „Ich hab’ dir was vorgespielt, ich bin gar keine Katze – ich bin ein Einhorn.“

Running Gags über Frisur, Mundgeruch, die zu erwartende Fackeljonglage, ein Mottenwitz und natürlich Breschlingsgsälz verbinden die einzelnen Darbietungen, in denen Sascha Grammel jedem Puppen-Geschöpf einen ganz eigenen Charakter verpasst. Stimme, Tonfall, Dialekt – oft vergisst man, dass es nur einer ist, der bei den kuriosen Rededuellen spricht und sprechen lässt. Charmant überlässt der strubbelige, sympathisch wirkende Berliner Bauchredner seinen Puppen die Show und setzt die Wortwechsel wirkungsvoll in Szene. Sprüche wie „Hast du Rheuma oder Gicht, hilft dir auch die Zahnfee nicht“, sorgen für Lacher.

Zum Glück sind Grammel und seine Protagonisten in der EWS-Arena auch in Großformat auf zwei Riesenbildschirmen zu sehen. So können auch die Zuschauer in den hinteren Reihen die nicht unerheblich wichtige Mimik der kuriosen Puppen sehen, die dort „live“ leider etwas untergeht.

In den Puppenwechsel-Pausen, wird das Publikum auf eben jenen Bildschirmen mit Videoeinspielern aufgeschreckt. Wohl jenen, die ein Hörgerät ihr eigen nennen und den Ton einfach auf leise drehen können. Alle anderen schrammen knapp am Hörsturz vorbei.