Seit dem 6. Januar findet in der Göppinger Stadtkirche wieder die Vesperkirche des Hauses Linde statt. Schon zum Einlass um 11.30 Uhr ist die Halle der Kirche mit Gesprächen und Geschirrgeklapper erfüllt, Gäste grüßen sich aus allen Ecken, und es gibt freudige Umarmungen. An langen Tischreihen speisen Arm und Reich, Jung und Alt beisammen und genießen eine reichhaltige Mahlzeit. Jeden Mittag zwischen 11.30 und 13.30 Uhr können sich die Gäste an einer warmen Suppe, einer Hauptspeise sowie Kaffee und Kuchen gütlich tun.

Um Punkt zwölf Uhr findet begleitet vom Glockengeläut der Kirche eine kurze Andacht statt, die Pfarrer und Pfarrerinnen der Göppinger Gesamtkirchengemeinde übernehmen. Die Pfarrerin der Reuschgemeinde, Mechthild Friz, nutzt die Andacht, um den Gästen eine kleine Geschichte zu erzählen. „Gott ist näher als wir denken“, lautet die Botschaft, die die Seelsorgerin den Gästen mit auf den Weg geben möchte. Den Schluss der Besinnungsrunde macht ein Gebet.

80 Ehrenamtliche helfen mit

Die Vesperkirche, die sich nach 25 Jahren in Göppingen zum festen Bestandteil der gemeinnützigen Veranstaltungen etabliert hat, kennt keine gesellschaftlichen Barrieren: „Hier darf man so kommen und gehen, wie man ist“, meint der Leiter des Hauses Linde, Wolfgang Baumung. Die allein durch Spenden finanzierte Veranstaltung, die sich über sechs Wochen im neuen Jahr erstreckt, zieht mittlerweile täglich rund 200 Gäste in die Kirche. Möglich machen das die etwa 80 Ehrenamtlichen, die sieben Tage die Woche dafür sorgen, dass auch wirklich jeder satt wird.

„Gemeinsam an einem Tisch“ lautet das Motto der Vesperkirche. Für Wolfgang Baumung ist, neben der Hilfe für Bedürftige, vor allem wichtig, dass hier Menschen aus unterschiedlichsten Lebenswelten aufeinander treffen, sich austauschen, einfach zu hören. Man solle sich als Gast willkommen fühlen, egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht man komme, erklärt Baumung. „Hier kommen Menschen zusammen, die sich sonst im Leben nie zueinander gesetzt hätten und hier isst niemand jemand das Essen weg!“, so Baumung.

„en eigenen vier Wänden entkommen

„Viele Menschen, die zu uns kommen, wollen auch einfach ihrer Einsamkeit entfliehen“, sagt eine Helferin. Besucher der Vesperkirche können das bestätigen: „Hier muss niemand allein sitzen, außer man möchte das“, meint einer der Gäste, der schon seit vielen Jahren das Angebot nutzt, nicht nur des guten Essens wegen. Wie viele der anderen Gäste, kommt auch er, um seinen vier Wänden zu entkommen, wieder andere Menschen zu treffen. „Das Motto erfüllt sich“, findet Andreas Grupp, Mitarbeiter des Haus Linde, der bereits  seit mehr als zehn Jahren auch bei der Vesperkirche aktiv ist. So sieht es auch Barbara Baumung, die Frau des Leiters der Vesperkirche: „Es kommen Menschen aus allen Schichten.“

Viele der Gäste gehören schon jahrelang zum Stammpublikum der Vesperkirche. Das sei einerseits schön, andererseits aber auch sehr schade, meint der Helfer, hinsichtlich der Not, in der einige der Gäste stecken. Allerdings könne er auch eine Veränderung im Publikum der Vesperkirche feststellen. Menschen, die finanziell nicht auf das Mittagessen angewiesen seien, kommen ebenfalls, nicht nur, um das soziale Projekt mit ihren Spenden zu unterstützen, es gehe auch um Solidarität.

Am Anfang auf Gartenbänken gespeist

Ein Gast berichtet, er habe sich schon im Dezember gefreut, dass es bald wieder losgehe, es bleibe immer interessant und man treffe sich auch immer wieder. Eine ehemalige Helferin erinnert sich: „Damals haben wir mit zwei Gartenbänken und etwa 25 Gästen angefangen!“ Über 18 Jahre arbeitete sie  bei dem Projekt mit und kommt immer noch gerne. „Das ist wie Heimat, eine Familie auf Zeit“, beschreibt sie die Aktion des Haus Linde.

Info Die Vesperkirche in Göppingen hat noch bis zum 16. Februar ihre Pforten geöffnet. Am 15.Februar gestaltet Kirchenmusikdirektor Gerald Buss mit ConcertoFestivo einen musikalischen Abend zu Gunsten der Vesperkirche, anlässlich des 25.- jährigen Bestehens. Beginn 18 Uhr.