Reihe Göppinger Orgelsommer: Lust auf Experimente

Orgelvirtuose Harald Feller verblüffte sein Publikum in der Göppinger Stadtkirche nicht nur mit der Stückauswahl.
Orgelvirtuose Harald Feller verblüffte sein Publikum in der Göppinger Stadtkirche nicht nur mit der Stückauswahl. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Ulrich Kernen 11.08.2018

Harald Feller, der Solist im dritten Konzert des  „Orgelsommers“ in der Göppinger Stadtkirche, ist ein vielseitiger Könner, der sich nicht aufs gängige Konzertprogramm beschränkt. Er experimentiert auch auf der Orgelbank und lädt dazu ein, Neues und Ungewohntes zu entdecken.

Das selten zu hörende Eröffnungsstück, die fröhliche und flotte Fantasie G-Dur BWV von J.S. Bach, weckte mit ihrem kraftvollen Duktus bei seinen Zuhörern die Lust auf mehr. Und dann ging es ins „Labor“. Es folgten zwei Stücke, die ursprünglich für Orgelwalze, einen Musikautomaten, geplant waren: In Beethovens Adagio F-Dur hörte man nur von fern den Automaten. Stattdessen genoss man ein Trio mit klar verteilten Rollen. Feller hauchte diesem zarten Lied durch einfühlsame Agogik Leben ein. Absolut nichts erinnerte in Mozarts Fantasie f-moll KV 608, einem ungewöhnlich ernsten Spätwerk, an eine Musikmaschine. Den unvermittelten Anfang und den unerbittlich abbrechenden Schluss prägten scharfe Ausbrüche und bebendes Vorwärtsdrängen. Und im Zwischenteil entführte Feller seine Hörer in eine andere, elysische Klangwelt.

Damit war die Tür zu weiteren Charakterstücken geöffnet. Es folgten zwei „Studien“ aus Opus 56 von Robert Schumann, die ursprünglich für das seltene Pedalklavier komponiert waren. Es lag nahe, sie auf die Orgel zu übertragen. Feller konnte in der Studie Nr. 3 die Stimmen klarer voneinander absetzen, ohne an Spritzigkeit einzubüßen. Auch die federleichte fünfte gelang „eigenartig“ im besten Sinne, wie es für die Musik Schumanns typisch ist.

An Grenzen geriet eine eigene Adaption von Richard Wagners „Vorspiel und Isoldes Liebestod“, eines der eindrücklichsten und differenziertesten Seelendramen der Musikliteratur. Wenn man es schaffte, das Gewohnte und Geliebte des Originals „zu vergessen“ und sich auf dieses Experiment einzulassen, entdeckte man neue Klangeffekte und deutlichere Strukturen, hervorgebracht durch ein riesiges Arsenal an Registriermöglichkeiten und Spieltechniken: ein außerordentliches Stück von einem außerordentlichen Orgelvirtuosen!

Der Wechsel zum „Liebestraum“ von Franz Liszt war dann allerdings sehr gewagt, klanglich sicher intensiver (aufdringlicher?) als auf dem Klavier, aber weniger elegant und charmant. Drei kurze Eigenkompositionen zu gregorianischen Chorälen liefen auf das abschließende „Dies irae“ zu: ein aufwühlendes musikalisches Chaos. Mit Max Regers „Consolation“ (Tröstung) als Zugabe entließ er die nun versöhnten Zuhörer. „Laborergebnis“: ein wundersames Abenteuer!

Ulrich Kernen

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