Göppingen / DIRK HÜLSER  Uhr
Markthändler sind verärgert, weil sie ihre Stände am Samstag wegen der Nazidemo in Göppingen bereits um 10.30 statt um 13 Uhr abbauen müssen. Auch Stadtführerinnen sind sauer auf die Verwaltung.

Dieses Bild wünscht sich niemand: Polizisten räumen am Samstag den Göppinger Schillerplatz, lösen den Wochenmarkt mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln auf, drängen die Marktleute weg. Im Extremfall könnte es allerdings soweit kommen. Die Markthändler sind jedenfalls sehr verärgert über die Stadtverwaltung - bereits um 10.30 Uhr müssen sie abbauen, "auf Grund der angekündigten Demonstrationen", wie es in einem Schreiben des Ordnungsamts heißt. Bis 11.30 Uhr müsse der Platz vollständig geräumt sein.

"Auf den letzten Drücker" habe er am Mittwochmorgen das Schreiben aus dem Rathaus erhalten, beschwert sich ein Obst- und Gemüsehändler. "Die haben gesagt, dass die Polizei uns runterjagen will, weil sich die Nazis da sammeln", berichtet der Mann. Er will aber keinesfalls um 10.30 Uhr seinen Stand abbauen: "Da muss ich erst abwarten, was die anderen machen." Schließlich hätten die Händler auch eine Verpflichtung: "Viele Kunden kommen trotzdem und erwarten, dass wir da sind. Wenn dann natürlich die Polizei kommt und uns räumt - was soll man dann machen?"

Samstag ist Haupteinnahmequelle

Auch Thomas Krieg, einer der vier Sprecher der IG Markt, ist sauer: "Das ist saublöd. Für uns ist der Samstag die Haupteinnahmequelle." Er bekräftigt, dass alle Händler kommen und aufbauen wollen. Von dem städtischen Ultimatum will er sich nicht aus der Ruhe bringen lassen: "Man wird einfach mal bis 10.30 Uhr verkaufen und wenn dann noch Kunden da sind, auch länger." Vor den Ordnungshütern hat er keine Angst. "Das ist nicht ganz so einfach für die Polizei", glaubt Krieg. Schließlich sei das Schreiben nur eine städtische "Empfehlung". Er ist sich sicher: "Wir müssen den Platz nicht verlassen." Das sieht Polizeisprecher Rudi Bauer anders. "Die Händler haben die Anordnung, um 10.30 Uhr zu gehen." Und wenn nicht? "Wir würden auf jeden Fall mit denen reden und dann werden wir sehen, was wir tun", hält sich Bauer bedeckt. Auch Rathaussprecher Olaf Hinrichsen will sich nicht näher äußern. "Dazu sage ich jetzt nichts, das hängt auch mit der polizeilichen Einsatztaktik zusammen."

Nicht gut zu sprechen auf die Stadt ist auch Claudia Liebenau-Meyer. Sie ist Stadtführerin und bietet im Auftrag des Rathauses regelmäßig Rundgänge an. Auch am 12. Oktober wollen sie und eine Kollegin themenbezogene Führungen anbieten: Einmal soll an das Schicksal des Gewerkschafters Johannes Gahr erinnert werden, außerdem gibt es am Synagogenplatz Informationen zum jüdischen Leben in Göppingen.

Stadtführerin ist enttäuscht

Doch werden dies keine offiziellen Stadtführungen. "Uns ist ganz klar gesagt worden, dass wir das auf eigene Verantwortung machen müssen." Auch werden die Frauen nicht über die Stadt versichert, was ansonsten üblich ist. "Aus Sicherheitsgründen" werde nicht zu städtischen Veranstaltungen eingeladen, begründet Rathaussprecher Hinrichsen dies - "und wir lassen uns nicht in die Verantwortung nehmen".

Stadtführerin Claudia Liebenau-Meyer ist enttäuscht über diese Haltung. "Wir wollten zeigen, was die Stadt für eine Geschichte hat und was so ein faschistisches System anrichten kann. Jetzt ist es eben eine private Sache." Sie hält auch nichts davon, dass die Stadt bereits am Freitagabend eine Veranstaltung gegen die Nazidemo, die am Samstag stattfinden soll, abhält. "Das ist ein Witz mit Anlauf." Sie selbst sei Mitglied der Stolpersteininitiative und habe mehr als 80 Schicksale aufgearbeitet. "Da ist so viel Grauenhaftes in Göppingen passiert und die Leute haben auch weggeguckt. Da kann ich nur sagen: Wehret den Anfängen!"