Göppingen / Ulrich Kernen

Weihnachtsmusik französischer Komponisten war im Konzert des Göppinger Kammerchors (Leitung Fabian Wöhrle) in der Oberhofenkirche angesagt, also nicht: „Jauchzet frohlocket“ – mit Pauken und Trompeten, wie man es hierzulande im Dezember unweigerlich im Ohr hat.

Im intimen Zusammenspiel von Chor, den Streicherinnen des Ensembles flessibile, den fünf Solisten (Sandra Bildmann, Sopran; Pauline Stöhr, Mezzosopran; Zografia Madesi, Alt; Hubert Mayer, Tenor; Simon Amend, Bass), einer Harfe (Eva Bredl) und einem Harmonium erklang das „Oratorio de Noël“ von Camille Saint-Saëns. Dieses etwa halbstündige Werk reicht für ein Konzert allein nicht aus; deshalb traten außerdem Werke von Charles Gounod und César Franck hinzu.

Nach einem ersten Blick ins Programmheft war man doch etwas irritiert: Fabian Wöhrle wagte es, das Oratorio einige Male zu unterbrechen, um die anderen Werke einzuschieben. Das setzte voraus, dass Saint-Saëns‘ Werk nicht so homogen ist, dass eine Unterbrechung (zer)störend wäre. Ferner mussten geeignete Stücke gefunden werden, die in die entstandenen Lücken hinpassten. Ein Könner wie Wöhrle weiß, was er tut: Denn beides traf zu. Das Experiment gelang.

Die Eröffnungsstücke von Saint-Saëns’ Oratorio steckten gleich mal den musikalischen Horizont ab: Man erlebte eine zart intonierte Pastorale des „Ensembles fessibile“, weich und kantabel musizierende Solisten und eine klangliche Überraschung: ein Harmonium! Das „Wiederhören“ mit diesem eigentlich so gut wie ausgestorbenen musikalischen Fossil lohnte sich. Anklänge an seine kleineren Geschwister, nämlich das Akkordeon und die Mundharmonika, wurden deutlich. Im Vergleich zu seiner Konkurrentin, der Orgel, war der Klang durchweg weicher und der menschlichen Stimme näher: ein Gewinn! Die erfahrenen Sängerinnen und Sänger des Chores ließen am Ende des ersten Teils einmal kurz ein Forte aufleuchten, um Würze in das zarte Wiegen zu bringen. Als pastorale Fortsetzung und Deutung des Auftakts war dann Charles Gounods „Béthléem“ anzusehen, in dem das Harmonium in einigen Zwischenspielen ausgiebig die Atmosphäre ausmalte.

Den Höhepunkt des Konzerts bildete danach das berühmte „Benedictus“, in dem der Bariton (Simon Amend) und die Sopranistin (Sandra Bildmann) in wundervollem Zusammenspiel mit der Harfe (Eva Bredl) edelste Klänge zauberten. Als Gegengewicht dazu war der leidenschaftliche Ausbruch des Chors und des Orchesters anzusehen.

In zahlreicher Gestalt durchzog der Jubelruf „Halleluja!“ das Chorwerk „Dextera Domini“ von César Franck und schließlich den letzten Teil des oratorio. Die Solisten konnten hier ihre Qualität als Einzelsänger und als Ensemblemitglieder in wechselnder Besetzung unter Beweis stellen, wobei Hubert Mayer als der erfahrenste Kollege die Führung übernahm. Die nun folgende Steigerung bis zum Schluss hin war, der Gesamtkonzeption folgend, intensiv und zugleich innig bewegt. Fazit: eine runde Sache – ein gelungenes Experiment!

Proben für Homogenität und Leichtigkeit

Klangideal In der Probenphase verwendete der Dirigent Fabian Wöhrle viel Zeit darauf, mit dem Göppinger Kammerchor einen einheitlichen Chorklang zu erarbeiten, in dem sich die einzelnen Stimmen zurücknehmen, sich anpassen, aufeinander eingehen und dadurch Homogenität und Leichtigkeit erzeugen können. Außerdem legte Wöhrle viel Wert darauf, die Klänge der französischen Romantik mit dem Chor zu erarbeiten und dadurch seiner idealen Klangvorstellung näher zu kommen.