Göppingen Göppinger Apostel-Hotel weicht Holiday Inn

Die Bagger arbeiten sich von hinten an das Hotel Apostel heran. Die Rekonstruktion des Kopfbaus an der Marktstraße wird ein „Holiday Inn Express“ beherbergen.  
Die Bagger arbeiten sich von hinten an das Hotel Apostel heran. Die Rekonstruktion des Kopfbaus an der Marktstraße wird ein „Holiday Inn Express“ beherbergen.   © Foto: Staufenpress
Göppingen / Von Arnd Woletz 08.06.2018
Am traditionsreichen Göppinger Apostel-Hotel sind die Abbruch-Bagger im Einsatz. An seiner Stelle entsteht ein Nachbau – ein Novum für die Stadt.

Die Stadt Göppingen ist derzeit geprägt von Großbaustellen. Am geplanten Einkaufszentrum in der Bleichstraße und am Zentrum Untere Marktstraße (ZUM) gegenüber der Kreissparkasse klaffen bereits große Lücken im Stadtbild. Am zweiten Bauabschnitt des Projekts „Apostelhof“ arbeiten sich die Bagger noch durch die Altbau-Substanz. Jetzt geht es an das Gebäude, das dem ganzen Viertel den Namen gegeben hat: das  traditionsreiche Apostel-Hotel (siehe Infokasten). Es wird, wie Andreas Kalckbrenner vom Investore Nanz gestern bestätigte,  bis spätestens Anfang August verschwunden sein.

Dann wird an der gleichen Stelle ein  Hotel der Kategorie „Holiday Inn Express“ mit 135 Zimmern errichtet, das die oberen drei Stockwerke des Neubaus belegt, berichtet Kalckbrenner. Außerdem stehen für diesen Bauabschnitt bisher  außer dem Hotel ein weiterer Markt der Kette dm, eine Apotheke und ein Optiker als Mieter fest. Einen Textil-Anbieter habe man nicht gewinnen können, sagte Kalckbrenner. Überhaupt könne man bei den Vermietungen am Standort Göppingen „nicht aus dem Vollen schöpfen.“ Derzeit noch frei ist ein 100 Quadratmeter großer Laden in der Grabenstraße.

Bezugsfertig soll der zweite Bauabschnitt des „Apostelhofs“ im Frühjahr 2020 sein.  Zuvor wird der  endgültige Schlusspunkt gesetzt unter eine lange  öffentliche Debatte über Erhalt oder Abriss des  historischen Gasthofs. Im Jahr 2005 hatte  die Nanz-Gruppe das Areal übernommen und hegt seither Pläne,  das  Karree neu zu entwickeln. Die Investoren führten ins Feld, dass die schlechte Bausubstanz den Erhalt des historischen Hotels nicht zulasse. Einige Gemeinderäte kämpften vehement für die Rettung und wollten gar eine Bürgerbefragung zur Zukunft des Apostel-Hotels durchsetzen, scheiterten damit jedoch. Im Jahr 2014 lehnte das Landesdenkmalamt den Denkmalschutz für das Gebäude ab, vor allem wegen der massiven Umbauten der 60er und 70er Jahre. Dennoch kritisierten auch Fachleute den Abbruch: Der Gestaltungsbeirat appellierte im Dezember 2014 deutlich für den Erhalt, weil das Hotel „stadtbildprägende Funktion und stadtgeschichtliche Bedeutung“ habe.

Die Investoren  planten aber mit einem Neubau. Erste Entwürfe für das Kopf-Gebäude an der Marktstraße  stießen bei Lokalpolitikern  teils auf wenig Gegenliebe. Im April 2015 gab die Firma Nanz bekannt, an der Stelle wieder ein Hotel errichten zu wollen. Und Anfang Juli 2017 kristallisierte sich ein architektonischer Kompromiss heraus: Der Altbau muss weichen, wird aber in seiner optischen Gestalt rekonstruiert.  Baubürgermeister Helmut Renftle fand kürzlich bei der Präsentation der Gesamtpläne, dieses Novum könne  als „Musterbeispiel in der Stadt“ dienen.

Der Architekt Klaus von Bock sagte gestern, er sei überzeugt, dass mit der Rekonstruktion des Hotels auch die wenigen Gegner des Abrisses zufrieden sein werden. Denn die wesentlichen Gestaltungsmerkmale des Apostel werden im Neubau übernommen. Es wird zwar etwas höher ausfallen, aber ansonsten die Maße des Altbaus aufweisen. Übernommen werde ebenso die Zahl der Fenster, der Fensterläden, sowie die beiden Friese unter dem Dachfirst und in der Gebäudemitte. Im Gegensatz zu heute werde der Neubau auch wieder einen  ansprechenden Sockel bekommen. Insgesamt sei es gelungen, den Neubau sehr sensibel einzupassen, findet von Bock.

Die lange Geschichte des Apostel-Hotels

Vorläufer des Hotel Apostel war im 17. Jahrhundert der Gasthof „Weißer Ochsen“, den der Metzgermeister Johann Georg Schwarz im Jahr 1642 kaufte. Der Wirt hatte den Beinamen „Apostel“. Die Herberge lag vor den Toren der damaligen Stadt. Wer nach Schließung der Stadttore ankam, blieb in einem der Gasthöfe vor den Toren.

Umbauten Im Jahr 1675 errichtete Schwarz einen neuen Anbau und betrieb den Gasthof sehr erfolgreich. Es folgten einige Erweiterungen.

Blüte Seit 1862 hieß die Herberge „Hotel zu den Aposteln“. Ab 1872 wurde der Gasthof von der Familie Pfeiffle über drei Generationen hinweg geführt. Der Gasthof und der angebaute ­Walhalla- Saal wurden zu einem Zentrum des gesellschaftlichen­ ­Lebens in der Stadt.

Einschnitt Im Jahr 1949 beschloss die Familie dennoch, den Saal abzubrechen und dort das Apostel-Kino zu errichten, das in den späten  70er Jahren  durch das MCC-Kinocenter ersetzt wurde. 1960 wurde schließlich die Wirtschaft geschlossen und im Erdgeschoss massiv in die Bausubstanz eingegriffen,  um einen Supermarkt einzubauen.  Das Hotel Garni wurde  bis vor wenigen Monaten weiter betrieben.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel