Göppingen Kunstverein will Werk sichern

Nasan Turs Holzplastik „Schalung“ und das alte Kriegerdenkmal (vorn) von Fritz Nuß stehen sich wie im Duell gegenüber.
Nasan Turs Holzplastik „Schalung“ und das alte Kriegerdenkmal (vorn) von Fritz Nuß stehen sich wie im Duell gegenüber. © Foto: Kathleen Jahn
Göppingen / SWP 16.05.2018
Kunstverein Göppingen sammelt Spenden, damit die Stadt Nasan Turs Skulptur „Schalung“ kaufen kann.

Seit Oktober ist sie enthüllt und bereichert die hiesige Kulturlandschaft: die monumentale Holzplastik „Schalung“ des namhaften Künstlers Nasan Tur. Jetzt sammelt der Kunstverein Göppingen Spenden mit dem Ziel, insgesamt 40 000 Euro für den Erwerb der „Schalung“ zusammenzubekommen. „Starke positive Resonanz aus der Bevölkerung und den Medien hat jetzt die Idee reifen lassen, das extra für Göppingen entstandene Werk im Oberhofenpark dauerhaft für die Stadt zu erhalten“, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Kunstverein hofft, etwa mit 400 Finanzgaben à durchschnittlich 100 Euro sein Ziel zu erreichen.

Als der Kunstverein im Jahr 2017 den Documenta-Teilnehmer Nasan Tur einlud, in Göppingen ein Projekt im öffentlichen Raum zu verwirklichen, entschied sich dieser für eine Arbeit, die auf das ursprüngliche Denkmal in den Mörike-Anlagen antwortet und Fragen nach dem Umgang mit Geschichte im Allgemeinen aufwirft.

Die alte Skulptur war auf Geheiß der Nationalsozialisten gefertigt worden und ersetzte eine Pietà, die in den Augen der Machthaber den „Pazifismus verherrlichte“, folglich nicht mehr in den Zeitgeist passte. Offiziell als Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet, zeigt das Monument zwei Soldaten mit kantigen Gesichtern in schweren Mänteln und Stiefeln. Der Einweihung des Denkmals kam Hitlers Überfall auf Polen zuvor, weshalb die zwei Krieger zunächst in einer Art hölzernen Kiste verschwanden und erst nach dem „Endsieg“ feierlich ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden sollten.

Dieses Verschwinden in der Kiste ist auch der unmittelbare Anknüpfungspunkt für Nasan Turs Kunstwerk, das eben an den historischen Bretterverschlag erinnert – und gleichzeitig darauf aufmerksam macht, dass eine Aufgabe von Kunst nicht das Verhüllen,­ sondern das Enthüllen historischer und gesellschaftlicher Wahrheiten sein sollte. „Die Arbeit „Schalung“ reagiert in ihren blockhaften, in sich geschlossenen Formen auf jene des ursprünglichen Monuments und stellt sie auf beinah ironische Art in Frage. Skulptur und Anti-Skulptur stehen sich wie bei einem Duell gegenüber, was dem Raum zwischen ihnen eine ungeheure Spannung verleiht“, heißt es in der Pressemitteilung weiter.

Die Besucher sind zu einer individuellen Auseinandersetzung mit Themen eingeladen, die heute wieder ganz aktuell sind. „In einer Zeit, da rechte Propaganda in vielen Ländern wieder en vogue wird, setzt Göppingen ein Zeichen gegen hohles und gefährliches Kriegspathos“, glaubt der Göppinger Kunstverein.

Auch der Künstler selbst betont die Bedeutung der Skulptur: In der Rottweiler „Kunststiftung Erich Hauser“ hielt Nasan Tur kürzlich einen Vortrag, in dem er die „Schalung“ als besonderes Beispiel für sein Verständnis für eine politische Dimension von Kultur heranzog.

Info Spenden können auf folgendes Konto überwiesen werden: Bankhaus  Martin, DE21 6103 0000 0000 0526 86.

Spenden: Almut Cobet zückt als erste hundert Euro

Unterstützung In ­einer Sitzung des Kulturausschusses präsentierte Bürgermeisterin Almut Cobet den Gemeinderatsmitgliedern das Vorhaben, Turs Plastik durch eine Spendenaktion aufzukaufen. Sie war auch die erste, die den Geldbeutel zückte und 100 Euro für die gute Sache gab. Rückhalt findet die Aktion außerdem bei Kulturamtsleiter Wolfram Hosch und Kunsthallenleiter Werner Meyer.
Um das Projekt zusätzlich zu unterstützen, hat Nasan Tur der Produktion eines kleinen Abbilds seiner Plastik zugestimmt, das als Dankeschön für besonders großzügige Spenden verteilt werden soll.