Historie Göppingen war einst Favorit für RAF-Prozesse

Göppingen / Axel Raisch 29.12.2017
Im Jahr 1973 galt die Hohenstaufenstadt als favorisierte Austragungsstätte für die RAF-Prozesse.

Wenn Göppinger fernab von Zuhause nach ihrer Heimatstadt gefragt werden, verbinden die Gesprächspartner meist Positives damit; schnell fallen Begriffe wie „Märklin“, „Staufer“ oder „Frisch Auf“. Anders geht es da den Stuttgartern, die im Stadtteil Stammheim wohnen. Hier sind die Assoziationen so eindeutig wie negativ: die RAF verbinden viele mit dem Stadtteil. Fanden im sogenannten „Mehrzweckbau“ auf dem Gelände der dortigen Justizvollzugsanstalt doch etliche Prozesse gegen die Linksterroristen der Roten Armee Fraktion statt.

Beinahe wäre es anders gekommen und auch Göppingen würde heute nicht nur mit Eisenbahnträumen und Europapokalsiegen in Verbindung gebracht. Denn 1973 sei ernsthaft darüber nachgedacht worden, das Gerichtsgebäude für die RAF-Prozesse in Göppingen zu bauen, weiß Dr. Erich Viehöfer vom Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg.

Es seien vor allem pragmatische Gründe gewesen, die zu diesen Überlegungen geführt hätten, erklärt Dr. Sabrina Müller vom Haus der Geschichte in Stuttgart: Wo war ein günstig erwerbbares oder noch besser, bereits in Landesbesitz befindliches Gelände verfügbar. Und noch ein weiteres Argument hätte für den Standort Göppingen gesprochen, erklärt die Historikerin: Das starke Kontingent der Bereitschaftspolizei auf dem ehemaligen Flak-Gelände im Südosten der Hohenstaufenstadt.

Dort hätte sich dann auch höchstwahrscheinlich das Gerichtsgebäude befunden – wäre die Entscheidung zu (Un-)Gunsten Göppingens gefallen, berichtet Dr. Sabine Bergstermann vom Strategischen Innovationszentrum der Bayerischen Polizei, die ein Buch über die Justizvollzugsanstalt Stammheim als Ort der Auseinandersetzung zwischen Staat und RAF geschrieben hat.

Denn die Göppinger Bereitschaftspolizei wurde zum Beispiel 1975 bei Demonstrationen gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl eingesetzt, weiß Dr. Müller. Dies war durchaus von Bedeutung, denn die RAF-Prozesse bedurften aufwendiger Sicherheitsvorkehrungen.

Allerdings wäre im Falle der Prozessführung in Göppingen ein anderes Problem aufgetaucht: Der Transport der Angeklagten zwischen Göppingen und ­Stuttgart, erklärt Dr. Sabrina Müller. Sie verweist als Beispiel auf den Transport der Angeklagten im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, zwischen der Justizvollzugsanstalt Stadelheim und dem im Münchner Zentrum ­befindlichen Gerichtsgebäude, der jeweils mit einer beachtlichen Kolonne an Fahrzeugen erfolge.

Nachdem man in den siebziger Jahren auch die Befreiung von Gefangenen befürchtete, wurden entgegen der ursprünglich dezentralen Absicht sowohl Unterbringung als auch Verhandlungsort in Stuttgart konzentriert.

Die aus heutiger Sicht alternativlos erscheinende Entscheidung für Stuttgart sei seinerzeit nicht unbedingt zwingend gewesen, auch der Hochsicherheitstrakt sei so nicht von Anfang an geplant gewesen. Nachdem man sich entschlossen hatte, die Prozesse nach Baden-Württemberg zu legen, sei Göppingen anfangs sogar Favorit gewesen, erklärt Müller: „Aber das Terrain in Stuttgart-Stammheim war etwas billiger“.

In Göppingen ist die „RAF-Vergangenheit“ bereits weitgehend vergessen. Weder in den Archiven und Museen noch bei den Polizeipräsidien sind noch Unterlagen oder Kenntnisse zu den damaligen Überlegungen vorhanden. Die Vorgänge schlummern heute in den Akten des Justizministeriums im Hauptstaatsarchiv Stuttgart.

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Auch andere Oberlandesgerichte hätten Austragungsort sein können

Hintergrund Die Gerichtsverhandlungen zum RAF-Terror hätten auch vor anderen Oberlandesgerichten stattfinden können, da die Anklage durch den Generalbundesanwalt erhoben worden sei, erklärt Dr. Sabrina Müller vom Haus der Geschichte in Stuttgart. Nachdem es bei der sogenannten „Mai-Offensive“ der RAF im Jahr 1972 neben Zielen in Hamburg, Hessen und Bayern auch einen Anschlag in Heidelberg mit drei Toten sowie zwei Anschläge in Karlsruhe und Heidelberg gegeben hatte, fiel die Entscheidung für den Gerichtsort auf den Südweststaat.

Literatur Sabine Bergstermann: Stammheim, ISBN-13: 9783110404821, € 44,95 Sabrina Müller e.a.: RAF – Terror im Südwesten, ISBN-13: 978-3933726452, € 19,90. Adressen: Haus der Geschichte, Baden-Württemberg: www.hdgbw.de Strafvollzugsmuseum Ludwigsburg: http://www.strafvollzugsmuseum-ludwigsburg.de/

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