In der Stadt Göppingen gibt es bis zum Jahr 2035 einen Bedarf von knapp 2000 neuen Wohnungen. Dabei handelt es sich allerdings um die „Hauptvariante“ der Wohnraum-Bedarfsentwicklung des Institut „Prognos“, die am Donnerstagabend im Gemeinderat vorgestellt wurde. Es könnte auch alles anders kommen. Tobias Koch, Leiter des Stuttgarter Büros von „Prognos“, verpackte das in die Begriffe „untere Variante“ (450 neue Wohnungen) und „obere Variante“ (2350 neue Wohnungen). Damit kam zum Ausdruck, dass es angesichts des langen Vorhersagezeitraums große Unsicherheiten gibt – vor allem beim Wanderungssaldo.

Die Studie war von der Stadt in Auftrag gegeben worden. Auslöser war das erbitterte Gefecht, das im vergangenen Herbst um das geplante Wohngebiet „Dittlau“ zwischen Faurndau und Jebenhausen entbrannte. Dort will die Stadt 800 Wohneinheiten schaffen. Werbe-Kugelschreiber wurden verteilt, ein Werbefilm in Auftrag gegeben und eilig ein Informationsbüro im Bezirksamt eröffnet. Doch es gab von Anfang an Widerstand im Gemeinderat und Stadtbezirk, vor allem bei der „Schutzgemeinschaft Dittlau“. Zankapfel waren immer wieder die Zahlen. Zuerst war von einem Bedarf von 4600 Wohnungen die Rede gewesen. Das Institut „Empirica“ hatte 2900 Wohnungen ermittelt. Nach langem Schlagabtausch legte OB Till die Dittlau-Entscheidung auf Eis und setzte ein neues Gutachten aufs Gleis. Beauftragt wurde mit „Prognos“ genau jenes Institut, das für die L-Bank bereits eine landesweite Studie erstellt hatte.

Die wurde nun auf Göppingen heruntergebrochen, als „fachlich neutrales Zweitgutachten“, wie Prognos-Mann Tobias Koch es nannte. (siehe Infobox) In den vergangenen Jahren sei in der Stadt unterdurchschnittlich viel Wohnraum gebaut worden, so „Prognos“. Also: „Die Bauintensität ist zu gering im Vergleich zum Landesdurchschnitt und auch im Verhältnis zur Nachfrage“, urteilte Koch. Folge: Eine deutliche und hohe Anspannung des Göppinger Wohnungsmarktes, die im Vergleich zum Landkreis stärker ausfalle, eine zunehmende Verknappung des Wohnraums und erkennbare Nachholbedarfe, ein kurz bis mittelfristig erhöhten Handlungsbedarf. Wohnraumerweiterungen seien „sowohl im Innen- als auch im Außenbereich erforderlich“, so Koch in seinem Fazit.

Bei den Gemeinderäten ähnelten die ersten Stellungnahmen  am Donnerstag denen von vor einem halben Jahr: Jürgen Schaile (FDP/FW) hinterfragte den Unterschied zur früheren Studie, die für den Landkreis von einem „ausgeglichenen Markt“ gesprochen habe. Koch konterte aber, dass Stadt und Landkreis beim Wohnraumbedarf nicht miteinander zu vergleichen seien.

Armin Roos (SPD) anerkannte, dass es in der Stadt kein Überangebot gebe, sprach aber ansonsten von einer „gewissen Spekulation“. Vor allem bezweifelte er, ob der wirtschaftliche Aufschwung so anhalte und meinte Richtung Rathausspitze: „Nicht alles, was sich mancher erträumt hat, wird auch eins zu eins so umgesetzt.“

Dagegen sagten mehrere CDU-Vertreter, dass die wirtschaftlich erfolgreiche Stadt Göppingen nun in der Baulandentwicklung Gas geben müsse, weil die Menschen sonst in die Nachbarkommunen abwandern, die Flächen zur Verfügung stellen.

In einer ersten spontanen Stellungnahme verwies Jörg Krauß, Vertreter der „Schutzgemeinschaft Dittlau“, darauf, dass der prognostizierte Wohnraumbedarf der Stadt Göppingen mit jeder neuen Studie geringer werde.

Die „Prognos“-Studie und ihre Annahmen


Die Ausgangslage: Göppingen hat mehr Todesfälle als Geburten, was aber durch Zuzug mehr als ausgeglichen wird. Lebenserwartung und Geburtenentwicklung werden analog zur L-Bank Studie angenommen und sind in Göppingen fast mit den Landeswerten identisch.

Zuwachs Die Bevölkerung steigt voraussichtlich um zwei Prozent in der Hauptvariante. Weil die durchschnittliche Haushaltsgröße sinkt, wird es sechs Prozent mehr Haushalte geben. Das ist die entscheidende Größe. Ein Großteil des steigenden Bedarfs geht darauf zurück.

Arbeit Eine wichtige Rolle spielen die Arbeitsplätze. Hier hat die Kreisstadt mit 55 pro 100 Einwohner eine ungewöhnlich hohe Dichte und verzeichnet täglich fast 10 000 Berufseinpendler. Göppingen sei „das wichtigste Arbeitsmarktzentrum im Landkreis“, so die Studie.