Göppingen Gewalt an behinderten Frauen zum Thema gemacht

Der Fachtag in der Göppinger Stadthalle hat die Gewalt an behinderten Frauen und Mädchen ans Licht der Öffentlichkeit geholt, um angemessenes Handeln zu ermöglichen.
Der Fachtag in der Göppinger Stadthalle hat die Gewalt an behinderten Frauen und Mädchen ans Licht der Öffentlichkeit geholt, um angemessenes Handeln zu ermöglichen. © Foto: francovolpato-Fotolia.com
Göppingen / Annerose Fischer-Bucher 25.09.2018
Beim 1. Göppinger Fachtag zu Gewalt gegen behinderte Frauen und Mädchen wurden bedrückende Zahlen präsentiert: Sie werden viel  häufiger Opfer von Gewalt als Nichtbehinderte.

Ein nächster Fachtag zur Gewalt gegen behinderte Frauen und Mädchen ist schon angedacht. Darüber waren sich die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Baden-Württemberg einig. Sie sei überrascht, dass so viele Berufsgruppen aus dem ganzen Land an diesem ersten Göppinger Fachtag in der Stadthalle teilgenommen hätten, sagte die Kreisbehindertenbeauf­tragte Claudia Oswald-Timmler, die den Fachtag angestoßen und organisiert hatte.

Nein heißt Nein! Auf diesen Grundsatz im Sexualstrafrecht, der dort vor zwei Jahren verankert wurde, wies Heike Baehrens, Vorsitzende des Kreisbehindertenrings Göppingen und SPD-Bundestagsabgeordnete, in ihrem Grußwort hin. Sie lobte die Tagung, weil sie mit einem breiten Programm dieses sensible Thema „aus dem Verschweigen heraus und ins Licht der Öffentlichkeit hole“. Denn nur dann sei ein angemessenes Handeln möglich.

Bedrückende Zahlen lieferte unter den verschiedenen Referentinnen Dr. Monika Schröttle, die an der Universität Erlangen-Nürnberg Leiterin der Forschungs- und Beobachtungsstelle „Geschlecht, Gewalt, Menschenrechte“ ist und die einzige bislang veröffentlichte Studie von 2011/12 vorstellte. Sie hatte an der Studie des Bundesfamilienministeriums „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ mitgewirkt. Das Erschreckende: Frauen und Mädchen mit Behinderungen werden im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung zwei- bis dreimal so häufig Opfer von Gewalt und sexueller Gewalt. Und in dieser Gruppe sind blinde Frauen am meisten betroffen.

Schröttle spezifizierte ein umfangreiches Zahlenmaterial, ging auf Risikofaktoren und auf erforderliche Maßnahmen ein, um Frauen in Einrichtungen oder zuhause zu schützen. Man habe in der Studie in einfacher Sprache nach ganz konkreten Handlungen gefragt und nach körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt unterschieden.

Zudem sei nach Gewalterfahrungen und Grenzverletzungen in der Kindheit gefragt worden und ob es Hilfen gegeben habe. Als Täter/innen von  Gewalt kamen Partner im häuslichen Umfeld sowie Personal und Bewohnerinnen und Bewohner in Einrichtungen zur Sprache.

Schröttle unterschied zwischen manifester und latenter Gewalt in einem Gewaltklima, das Angst erzeuge, und wies auf strukturelle, also gesellschaftlich geprägte Gewalt hin. Weil beispielsweise jemand Frau und behindert sei, weil hilfsbedürftig, weil weniger Ressourcen im Sinne von finanzieller Ausstattung oder Bildung, weil fehlende Aufklärung über die Rechte, weil weniger Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen, weil sich diejenige abhängig fühle und glaube, dankbar sein zu müssen  – deswegen komme es zu Grenzverletzungen, die man ändern könne.

Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg, berichtete aus eigenem Erleben und forderte eine Stärkung der Rechte und der Selbstbestimmung von Frauen mit Behinderungen, für die der Staat auch Geld in die Hand nehmen müsse.

Nötig sei ein klares Bekenntnis zur Inklusion auf allen Ebenen und ein Schritt „vom Objekt zum Subjekt“, den man mit vielen Maßnahmen den Frauen ermöglichen müsse.

Kontakt für Betroffene

Hilfe-Telefon: Gewalt gegen Frauen und Information in leichter Sprache: Hier können Sie anrufen, wenn Sie vor jemandem Angst haben. Tel.: 08000 116 016, www.hilfetelefon.de
(gefördert vom Bundesfamilienministerium)

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