Göppingen Gesellschaft wird kritischer

Göppingen / MARGIT HAAS 03.08.2013
Stadtarchive sind weit mehr als die bloße Sammlung von Verwaltungsvorgängen. Unter der Überschrift "Zeitungsleser wissen mehr" hat Martin Mundorff vom Stadtarchiv Göppingen über die Bedeutung von Publikationen für Archive publiziert.

Stadtarchive bestehen nicht nur aus Urkunden, Briefen, Verträgen oder Bildern längst vergangener Zeiten. Archivare entscheiden auch, was aus dem schier unübersehbaren Aktenberg, den die Mitarbeiter der Behörden verwalten, erhaltenswert ist und somit in die Archive aufgenommen wird. Ein kommunales Archiv lebt freilich nicht von Verwaltungsvorgängen alleine. Sie würden nicht wirklich ein Bild der jeweiligen Gesellschaft aufzeigen. Dazu braucht es Vereinsbroschüren und Firmennachlässe, Fotosammlungen und nicht zuletzt - Tageszeitungen.

Die Bedeutung dieser Sammlungen für die Archivarbeit hat Diplomarchivar Martin Mundorff vom Stadtarchiv Göppingen detailliert untersucht. Sein Aufsatz findet sich in der Publikation des Städtetages Baden-Württemberg (StT) mit dem Titel "Stadtgedächtnis, Stadtgewissen und Stadtgeschichte". Die zahlreichen Aufsätze zu ganz unterschiedlichen Aspekten der Archivarbeit wurde von rund 40 Stadtarchivaren zusammengestellt, die in der "Arbeitsgemeinschaft Archive des StT regelmäßig ein wichtiges Forum zum Informationsaustausch" finden. Dort war auch die Idee entstanden, für "kommunale Entscheidungsträger und Interessierte" moderne Archivarbeit umfassend darzustellen. Denn nicht selten sind Archive vernachlässigt, personell unterbesetzt und das Stiefkind der Kommune. Der Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs hatte zwar kurzzeitig die Bedeutung von Archiven ins Bewusstsein gerückt. Wirklich verändert im positiven Sinne hat sie Archivbetrachtung aber wohl eher nicht.

In vier Kapiteln werden Archive im Kontext der modernen Kommunalverwaltung, die Veränderungen durch das digitale Zeitalter, die Öffentlichkeitsarbeit und eben die Bedeutung nicht-städtischer Unterlagen für eine umfassende Geschichtsbetrachtung aus verschiedenen Blickrichtungen betrachtet. Den Sinn und Zweck von Zeitungsausschnitts-Sammlungen hat Martin Mundorff interessiert. Ihn fasziniert, dass sie "die Veränderungen einer Gesellschaft und die politischen Verhältnisse deutlicher noch als reine Verwaltungsakten aufzeigen und nachvollziehbar machen." Sie zeigen etwa auf, dass die Gesellschaft insgesamt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer kritischer wurde, politisches Handeln nicht mehr einfach hinnimmt.

Während zum Beispiel der Bau des Göppinger Müllheizkraftwerkes in den siebziger Jahren keinerlei Reaktionen hervorgerufen hatte, war die Planung eines weiteren Kessels im Jahre 2005 von heftigem Bürgerprotest begleitet. Auch die Auseinandersetzungen um das Bahnprojekt Stuttgart 21 hat sich in Verwaltungsakten nicht annähernd so umfang- und facettenreich niedergeschlagen wie in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Presse. Denn: "Nicht alles, was sich in einer Stadt zugetragen hat, findet seinen Weg in die amtlichen Akten einer Stadtverwaltung."

Neben Fotosammlungen, Vereinschroniken oder Firmenarchiven sind also gerade die Zeitungsausschnitts-Sammlungen wichtiges zeitgeschichtliche Dokumente. Und werden dies auch im Zeitalter der Digitalisierung bleiben. Einzelne Stadtarchive haben ihre Sammlungen bereits digitalisiert, weitere werden folgen. "Das Wissen im Gedächtnis der Stadtverwaltung wird damit über die Basis Behördenschriftgut hinaus verbessert - getreu dem landläufigen Motto: Zeitungsleser wissen mehr", betont Martin Mundorff.

Info Das Buch "Stadtgedächtnis, Stadtgewissen, Stadtgeschichte!" ist im Verlag Regionalkultur erschienen und Stadtarchiv und im Buchhandel erhältlich, ISBN-Nummer: 978-3-89735-746-4.

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