Die Mitteilung aus der Konzernzentrale von Albany International in Rochester im US-Bundesstaat New Hampshire liest sich nüchtern: Die in Göppingen ansässige Tochtergesellschaft "Württembergische Filztuchfabrik D. Geschmay" werde den Betrieb an ihrem Produktionsstandort für Pressfilze in Göppingen einstellen. "Diese geplante Maßnahme ist die Folge des anhaltenden Konsolidierungsprozesses der Kunden in der Papierindustrie in Europa und des kontinuierlichen Erfordernisses, die Kapazitäten der Gesellschaft im Bereich der Papiermaschinenbespannung in Europa den Anforderungen unserer Kunden anzupassen." Das beruhe "in keiner Weise auf der Leistung der 52 betroffenen Mitarbeiter", teilt der Konzern weiter mit. Es sei vielmehr eine "wirtschaftliche Notwendigkeit". Geschmay stellt Filz-Bespannungen für Papiermaschinen her.

Für die verbliebenen Beschäftigten in dem Werk im Göppinger Pfingstwasen kam die Nachricht vom schnellen Aus zum jetzigen Zeitpunkt überraschend, berichtete der Betriebsratsvorsitzende Thomas Böhringer. Die Belegschaft sei am Freitag in einer Versammlung über die bevorstehende Schließung informiert worden, bestätigte Böhringer auf Anfrage. Allerdings habe sich eine Veränderung in den vergangenen Monaten angedeutet, weil manches auf Vorrat produziert werden musste. Hoffnung auf den Erhalt der Arbeitsplätze hätten die Mitarbeiter nun nicht mehr. Es gehe darum, eventuell höhere Abfindungszahlungen auszuhandeln und den Übergang in die bestehende Auffanggesellschaft zu regeln.

Die Traditionsfirma mit einst 450 Beschäftigten drehte sich seit langem im Abwärtsstrudel. Seit 1999 gehört Geschmay zum Albany-Konzern mit gut 4000 Mitarbeitern in elf Ländern. In mehreren heftig kritisierten Entlassungswellen seit 2006 schmolz die Göppinger Belegschaft bis auf 52 Mitarbeiter. Zuletzt wurde 2009 die traditionsreiche Filzweberei geschlossen. In den großen Hallen im Pfingstwasen produzierte Geschmay zuletzt aus Vorprodukten, die aus China oder Schweden geliefert wurden, die Filzbespannungen für den Weltmarkt.

Zu den 52 betroffenen Mitarbeitern am Standort Göppingen kommen allerdings auch 30 Außendienstler, wie der Betriebsratsvorsitzende betont. Für sie alle gelte noch der bei der letzten Entlassungswelle ausgehandelte Sozialplan, der erst zum Jahresende auslaufe, so Böhringer. Teil dieser Vereinbarung sei auch die Qualifizierungsgesellschaft Refugio, in der die entlassenen Beschäftigten für ein Jahr aufgefangen werden. Für die älteren Mitarbeiter werde es allerdings schwierig, im Anschluss daran wieder einen Job zu finden, fürchtet der Betriebsratsvorsitzende.

Albany kündigte in der Mitteilung an, die Schließung werde "nach dem geltenden Recht und unter Beachtung der Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte des Betriebsrats erfolgen". Die Produktion von Pressfilzen werde in Halmstad in Schweden konzentriert.

Der Betriebsratsvorsitzende sagte, der Zeitpunkt des Produktions-Stopps in Göppingen sei auf 30. April datiert worden. Dafür gab es aber aus der amerikanischen Konzernzentrale am Montag keine Bestätigung. Auch die Frage, was mit dem großen Fabrikationsgelände in Göppingen geschehen werde, blieb mit Hinweis auf laufende Gespräche mit dem Betriebsrat vorerst unbeantwortet. In den Verwaltungsgebäuden sind bereits mehrere kleinere Firmen sowie die Johanniter eingemietet. Auch Teile der Produktionshallen sind vermietet.

Wechselvolle Geschichte der Filztuchfabrik Geschmay

Anfang: Im Jahr 1910 kommt der Textilwarenhändler David Geschmay aus Windsheim nach Göppingen und kauft eine 1860 gegründete Filztuchwerkstatt. David Geschmay und später sein Sohn Hans strukturieren den handwerklich geprägten Betrieb zu einer industriell produzierenden Fabrik um. Sie firmiert fortan als "Württembergische Filztuchfabrik D. Geschmay o.H.G.". Die erste Fabrik und das Wohnhaus standen in der Metzgerstraße 16.

Leid: Die jüdische Familie leidet später stark unter der Nazi-Herrschaft. David Geschmay und seine Frau Pauline sterben im Jahr 1942 in Konzentrationslagern. Seit Februar 2008 liegen sogenannte Stolpersteine zum Gedenken an David und Pauline Geschmay am Ort des ehemaligen Wohnhauses in der Metzgerstraße.

Wiederaufbau: Die nach dem Krieg zurückgegebene Firma wird von den Nachkommen weitergeführt.