Göppingen Geschlossen gegen rechtes Gift

Göppingen / SUSANN SCHÖNFELDER 20.06.2013
Selbstbewusst, geschlossen und gewaltfrei Flagge zeigen, statt sich unsichtbar zu machen: Das ist für 100 Teilnehmer einer Tagung gegen Rechts die richtige Strategie, Nazi-Umtrieben Paroli zu bieten.

Das Thema brennt den Menschen auf den Nägeln - das wurde am Dienstagabend in der Göppinger Stadthalle deutlich. Rund 100 Teilnehmer packten bei sengender Hitze ein heißes Eisen an. Sie setzten sich mit der Entwicklung rechtsextremistischer Umtriebe auseinander und diskutierten über Strategien und Bündnisse gegen Gewalt und Menschenfeindlichkeit. Eingeladen hatte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, die mit solchen Veranstaltungen "zu einer besseren Vernetzung" beitragen will, um letztlich gemeinsam Widerstand gegen Rechts zu leisten.

Ein Ziel, das an diesem Abend erreicht wurde: Durch die Bank sprachen sich die Zuhörer und die Teilnehmer auf dem Podium dafür aus, den Nazis geschlossen und friedlich die Stirn zu bieten. Dabei ging es in erster Linie um Aktionen, die der geplanten Nazi-Demo am 12. Oktober in Göppingen etwas entgegen setzen sollen. Der Leiter der Göppinger Kriminalpolizei, Jürgen Hauber, bot an, in engem Kontakt mit dem Bündnis "Kreis Göppingen nazifrei" zu bleiben, das für den 12. Oktober bereits eine Gegendemonstration angemeldet hat.

Und auch Oberbürgermeister Guido Till lenkt ein und kündigte am Mittwoch an, bei dieser Veranstaltung des Bündnisses sprechen zu wollen. Dies hatte Jürgen Baur, der Leiter des Fachbereichs Recht, Sicherheit und Ordnung bei der Stadt, bereits bei der Podiumsdiskussion am Dienstagabend angedeutet. "Schön, dass der OB dabei ist", war die spontane Reaktion von Alex Maier, dem Sprecher des Bündnisses, der sich schon immer für eine gemeinsame Aktion stark macht. Christoph Weber, Fraktionschef der Grünen im Göppinger Gemeinderat, meldete sich am Mittwoch zu Wort: "Wir begrüßen, dass es am Samstag eine gemeinsame Veranstaltung geben soll."

Kreative Lösungen für gewaltfreien Widerstand

Die Diskussionsteilnehmer auf dem Podium nutzten am Dienstagabend die Gelegenheit, die Nazi-Demo vom Oktober vergangenen Jahres nochmals aufzuarbeiten, richteten dann aber schnell den Blick nach vorn. "Wir müssen alle zusammenstehen und kreative Lösungen für einen gewaltfreien Widerstand finden", sagte Heike Baehrens, Kirchenrätin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Diakonie Württemberg. Es sei jedoch nicht damit getan, mit einer einmaligen Kundgebung Flagge zu zeigen: "Hier ist Aufklärung nötig", unterstrich Baehrens. Sevgi Aslanboga vom Bund der Migrantinnen in Geislingen sah nur eine Lösung: "Solche Parteien und Ideologien müssen verboten werden. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen." Sie möchte sich nicht in einer Opferrolle einrichten, sondern vielmehr signalisieren: "Gemeinsam sind wir stark."

Polizei und Stadtverwaltung machten deutlich, dass ihr oberstes Gebot die Sicherheit der Bürger sei und machten auf die Schwierigkeit aufmerksam, linke und rechte Demonstranten auseinander zu halten und so Gewalt zu verhindern.

Mit randalierenden "Chaoten", wie es ein Zuhörer ausdrückte, wollte keiner im Publikum etwas zu tun haben. Vielmehr zog sich der Wunsch nach einem geschlossenen, friedlichen Protest gegen Rechts wie ein roter Faden durch den Abend. Und am liebsten wäre es allen Besuchern der Veranstaltung, wenn die Nazis am 12. Oktober gar nicht erst in Göppingen aufmarschierten.

Wie dringend es ist, sich mit der Gefahr von Rechts zu befassen, machte der Stuttgarter Journalist und langjährige Landtagsabgeordnete Stephan Braun eingangs in einem Vortrag deutlich. Schlaglichtartig nannte er Fakten zu der Frage: "Wie kommt das Gift in die Köpfe?" und lieferte Antworten: So seien Angebote der Neonazis "passgenau" auf junge Leute zugeschnitten, 46 Prozent der Rechtsextremen seien zwischen 22 und 30 Jahre. Die "Einstiegsdroge" sei Rechtsrock, 182 aktive Bands gebe es derzeit. "Rechtes Gedankengut ist auf dem Vormarsch und kein Randphänomen", so die eindringliche Warnung Brauns. Neun Prozent der Bundesbürger hätten ein rechtsextremistisches Weltbild, das in erster Linie von Ausländerfeindlichkeit geprägt sei. Weiterer alarmierender Trend: "Der Anteil der Gewaltbereiten steigt." Der Journalist setzt als probates Mittel gegen Rechts auf Bildung. Denn: "Eine starke Demokratie braucht starke Demokraten. Und sie ist nur so stark wie die Zivilgesellschaft, die sie trägt."

Stadt will Zeichen setzen
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