GEDANKEN ZUM SONNTAG: Wie neu geboren

VIKAR SIMON ZIEGERER EV. KIRCHENGEMEINDE HEININGEN 11.04.2015

Ich fühle mich wie neu geboren. Dieser Satz kommt uns über die Lippen, wenn wir ein wohltuendes Schaumbad genossen haben oder uns die Physiotherapeutin die verspannte Rückenmuskulatur weich geknetet hat. Wie neu geboren fühlt sich jemand, dem nach langer Anstrengung alle Last abfällt. Neugeburt steht für Neuanfang.

Da Sie diese Zeilen lesen, haben Sie die Säuglingsphase höchstwahrscheinlich längst hinter sich gelassen. Es sei denn, Sie sind ein besonders hochbegabter Säugling. Ihre Geburt liegt aber in der Regel schon viele Jahre zurück.

Wir können unsere Lebenszeit nicht zurückdrehen. Wir können nicht ungeschehen machen, was geschehen ist. Unsere Persönlichkeit hat sich durch viele Erlebnisse verfestigt. Trotzdem verspricht uns Jesus einen Neuanfang, ja sogar eine Neugeburt mitten im Leben.

Der morgige Sonntag im Kirchenjahr trägt den etwas sperrigen lateinischen Namen: Quasimodogeniti. Das heißt übersetzt: wie die Neugeborenen. Es ist ein Sonntag für den Neuanfang.

Jesus ist der Meinung, dass es neben der biologischen Geburt auch eine innere, eine geistliche Geburt gibt. Nur wer durch den Geist Gottes neu geboren ist, kann Gottes neue Welt sehen. Dies schildert Jesus anschaulich im Johannesevangelium, Kapitel drei. Hier spricht er mit dem religiös hochgebildeten Nikodemus und stößt ihn mit seinen Gedanken von der Neugeburt gehörig vor den Kopf. Verstehbar ist das tatsächlich nicht, aber so ist das oft, wenn Gott handelt.

Ich besuchte vor einigen Monaten eine Fortbildung für Pfarrer zum Thema Humor. Scheinbar hat es meine Berufsgruppe besonders nötig. Dort sollten wir alle im Raum herumgehen und jede Person so anschauen, als ob wir das erste Mal im Leben einen Menschen sehen würden. Passende Laute waren erwünscht. Vernünftig war das nicht, aber lustig. Es war so ähnlich wie bei neugeborenen Kindern. Sie sehen alles das erste Mal. Sie kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Mit weit geöffneten Augen erkunden sie ihre Umgebung. Sie tasten, sie greifen, sie formen mit ihrem Mund erste Laute.

Wer an Gott glaubt, entdeckt die Welt neu. Dann scheint durch das Lächeln einer Bekannten die Freundlichkeit Gottes. Dann ergreift mich das Mitleid für Benachteiligte, weil Gott für solche ein besonders großes Herz hat. Dann kann ich in ausweglosen Situationen hoffen, weil Gott mir Hoffnung gibt.

Ein Neuanfang mit Gott mitten im Leben - wäre das nicht was?