GEDANKEN ZUM SONNTAG: Grüß Gott!

SWP 07.01.2012

Ach übrigens, haben Sie auch so viel Weihnachtspost bekommen? Unzählige Grüße gehen ja in der Weihnachtszeit hin und her zwischen Verwandten und Freunden. Sie verknüpfen aufs Neue, bauen Brücken über Getrenntes, bringen Vergessenes in Erinnerung. Mögen manche dieser Grüße nur äußerliche Pflichtübungen sein - hinter den meisten steckt wohl doch mehr: da deutet einer dem anderen Zuneigung, Hinwendung, Liebe an. In einem echten Gruß steckt immer etwas vom Herzen des Grüßenden, das das Herz des Gegrüßten erreichen will.

Ach ja, Sie wollten ja noch gern wissen, was ich mir für das neue Jahr vorgenommen habe? Fangen wir mal so an: Ich grüße gern und oft, und ich genieße es, im kleinen Ort Wäschenbeuren zu wohnen, wo sich die meisten noch grüßen - die Betonung liegt auf "noch"! Leider nimmt auch diese Gepflogenheit immer mehr ab, im Besonderen bei der Jugend - was ich sehr bedauere. Für mich heißt der Gruß, den ich anderen anbiete, nicht nur, dass ich den anderen wahrgenommen habe, es ist auch ein gegenseitiges Zeichen des Dazugehörens. Gegrüßt werden und grüßen kann ein bisschen Wärme in einen grauen Tag bringen.

Das Grüßen baut so eine Brücke von Mensch zu Mensch. Die Formen des Grußes sind ja sehr unterschiedlich, manchmal auch innerhalb derselben Kultur. Da gibt es das sich Erheben, das sich Verbeugen, das Händeschütteln, das Lächeln - all das in der Regel verstärkt durch einige Worte oder auch nur ein einziges Wort.

Der Händedruck ist - wie Ethnologen sagen - entstanden, um einem anderen zu zeigen, dass man unbewaffnet ist und daher keine Gefahr darstelle. Diese Grußform war nicht nur ein kultureller Schnörkel, sondern eine Garantie für Frieden und Sicherheit.

Grüße können auch erzwungen sein. Manche politischen Systeme haben solchen Zwang auf den Diktator oder zum Grüßen einer Fahne ausgeübt. Das Grüßen kann aber auch ein Ausdruck von Freiheit, von Selbstachtung sein. Wer einen anderen Menschen in Freiheit ehrt - gar einen, der besonders ehrwürdig ist - der ehrt sich selbst. Und wer angesichts eines solchen Menschen, auch angesichts eines Toten, den Kaugummi oder die Zigarette im Mund behält, der entehrt sich selbst, mag er es wissen oder nicht.

Ein in Österreich und in Süddeutschland üblicher Gruß lautet "Grüß Gott". Das bedeutet den Wunsch, Gott möge den so Angesprochenen grüßen, ja segnen. Diesen Segenswunsch kann freilich nur jemand ehrlich aussprechen, der an die Existenz Gottes und die Kraft seines Segens glaubt. Erfreulich sagen manche Sprecherinnen und Sprecher in Radio und Fernsehen unbefangen "Grüß Gott". Sie setzen so einen deutlichen Akzent und eine Alternative zu Grüßen ohne Tradition wie das angelsächsische "Hallo".

Die heute weit verbreitete Verödung der Grußkultur empfinde ich als Defizit, um dessen Behebung nicht nur Familien und Schulen sich bemühen sollten. Deshalb habe ich mir in diesem Jahr vorgenommen, noch öfter und herzlicher zu grüßen. Zudem ist es ein gutes und kostengünstiges Zeichen. Stellen sie sich mal vor: Ein ganzer Landkreis mit all seinen "Verantwortungsträgern" verpflichtet sich selbst zum gegenseitigen Grüßen mit einem freundlichen "Grüß Gott" würde - das hätte doch was - oder? Und würde wider der Kälte und Anonymität, die um sich greift, ein deutliches Zeichen setzen.

Machen sie doch einfach mit? - Kostet ja nichts! Felix Müller,

Dekanatsreferent, katholisches Dekanat Göppingen-Geislingen

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