GEDANKEN ZUM SONNTAG: Gründe zu glauben

PFARRER JÜRGEN SAUTER ST. MARIA UND CHRISTKÖNIG, GÖPPINGEN 03.03.2012

Das haben Sie vermutlich schon erlebt: Wunderschöne Augenblicke, in denen die Zeit stehen bleibt. "Taborerlebnisse", sagen wir dazu in der Kirche. Auf dem Berg Tabor sehen die Jünger ihren Herrn Jesu als leuchtende Gestalt. Moses und der Prophet Elia, die großen Gestalten aus dem Alten Testament, reden mit ihm. Die Botschaft des Verfassers dieser Geschichte: "Jesus ist der verheißene Retter". Und den Jüngern ist bei diesem Anblick scheinbar völlig klar: Hier haben sie es mit dem Göttlichen zu tun. Und sie wollen gar nicht mehr weg. Aber schon bald kommt es wieder anders und von der Klarheit bleibt den Jüngern nicht viel übrig, die Zweifel sind wieder da.

Und heute? Wie ist das mit der Frage nach dem Göttlichen? Man weiß nichts Genaues. Muss ich danach fragen? "Nach Gott zu fragen . . . ist eine geistige Übung. Wer es ausschlägt, nimmt Schaden - der Gläubige an seiner Seele, der Ungläubige an seinem Intellekt." (Merkur 1999). Das schrieben Journalisten, die sich gewiss nicht als Vertreter der christlichen Kirchen sehen.

Aber haben nicht schon Wissenschaftler die Sache längst entschieden? Bis in jüngste Zeit haben Gelehrte versucht, Gottesbeweise zu führen. Ebenso wurden auch große Anstrengungen unternommen, zu beweisen, "dass es Gott nicht gibt". Doch Gott ist nicht jemand, der sich mit den Mitteln der Wissenschaft erforschen lässt. Alles, was sich mit Beweisverfahren ergründen lässt, ist doch in irgendeiner Weise begrenzt. Unter Gott verstehen wir doch das Wesen, das eben diesen Begrenzungen gerade nicht unterliegt. Nein, wenn sich Wissenschaft ihrer Grenzen bewusst bleibt, dann kann sie uns eine abschließende Antwort auf diese Frage nicht liefern. Muss damit die Sache unentschieden bleiben?

Der Philosoph Immanuel Kant hat es als Verpflichtung für uns Menschen angesehen, an einen Gott zu glauben. Wieso das denn?

Jeder Mensch ist eine einmalig wertvolle Persönlichkeit. Jeder Mensch trägt deshalb in sich einen inneren Anspruch, dieser unbedingten Würde des anderen zu entsprechen, sonst nimmt er ja seine eigene Würde auch nicht ernst. Aber mehr als oft handeln Menschen ganz anders - menschenunwürdig.

Soll also dieser Anspruch auf menschliche Würde nicht auf Dauer ins Leere gehen, soll der Mensch das Glück erfahren, dass seine Menschenwürde voll und ganz geachtet wird, ergibt sich für Kant diese moralische Aufforderung, an einen Gott zu glauben, dem es möglich ist, jedem Menschen, dieses Glück zu verschaffen.

Damit ist Gottes Dasein nicht bewiesen. Aber dieser Gedankengang zeigt, dass es sehr wohl vernünftig ist, an Gott zu glauben. Man braucht seinen Verstand nicht ausschalten, wenn es um Fragen des Glaubens geht. Und das muss Theologie leisten: Sie muss zeigen, dass es vernünftige Gründe gibt, an einen Gott zu glauben. Gewiss, es gibt genau so gute Argumente dagegen.

Es bleibt also für jeden einzelnen von uns der Auftrag, sich zu entscheiden, ob er an einen Gott glauben will oder nicht. Andere können bei dieser Entscheidung helfen. Aber letztlich muss sie jeder für sich selbst entscheiden und aufs Neue überprüfen. Keine Wissenschaft kann ihm das abnehmen. Sich die Mühe zu machen, sich die Frage nach Gott zu stellen, ist nicht nur etwas für die Fastenzeit, nicht nur für "Studierte". Die Pfunde purzeln so nicht. Nein, Sie werden sogar zunehmen, "an Weisheit, Einsicht und Persönlichkeit", kann ich Ihnen versprechen".