GEDANKEN ZUM SONNTAG: Ausgetreten?

GOTTFRIED LUTZ, PFARRER I.R. FAURNDAU 18.01.2014

Es ist nicht zu fassen. Deutsche Firmen liefern der syrischen Regierung Material, das die zur Herstellung von chemischen Kampfstoffen brauchen, die sie gegen die eigene Bevölkerung einsetzen.

In schwierigen und langwierigen Verhandlungen wird erreicht, dass diese Kampfstoffe vernichtet werden Gott sei Dank! Deutsche Firmen bieten an, auch dieses Geschäft zu machen. Die Berichte darüber klingen so, als wäre das eine hochherzige Wohltat. Das soll uns mal einer nachmachen: Mit solch unmenschlichem Material zweimal ein Geschäft machen und das dann noch als friedesnobelpreisverdächtig verkaufen.

Als in den 50er Jahren Deutschland wieder aufgerüstet wurde, hat Erich Kästner ein kleines Gedicht verfasst: es helfe weder Zorn noch Spott und auch nicht Weinen oder Beten - "Die Nachricht stimmt. Der liebe Gott ist aus der Kirche ausgetreten." Das würde uns gerade noch fehlen: Erst sexueller Missbrauch in kirchlichen Heimen, dann die Badewanne des Bischofs und jetzt auch noch: "Gott tritt aus der Kirche aus". Hätte Kästner ihn denn nicht aus der Regierungspartei austreten lassen müssen? Aber war er da jemals drin?

Grund genug, aus unserer Gesellschaft auszutreten, hätte Gott bestimmt. Wir sind weit davon entfernt, so zu leben, wie man es von Christen erwarten kann. Die Debatte, ob auch etwas andere Lebensformen als die normale bürgerliche Familie die Schulbücher unserer Kinder und Enkel schmücken dürfen, nimmt breiten Raum ein. Die Situation der Flüchtlinge vor Lampedousa und im Nahen Osten ist viel bedrängender. Und: Der Umgang mit Flüchtlingen ist in der Bibel durchgehend geradezu ein Prüfstein für die Christlichkeit einer Gesellschaft. Da schneiden wir schlecht ab!

Sie haben Recht, es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass Gott aus der Kirche austreten könnte. Allenfalls können wir es so treiben, dass wir "von allen guten Geistern verlassen" sind. Wir können aus Protest aus der Kirche austreten und die Gemeinschaft derer verlassen, die versuchen, Frieden und ein solidarisches Leben zu verwirklichen. Ich plädiere allerdings dafür, in der Kirche zu bleiben, sich dort ermutigen zu lassen und sich zu engagieren. Schließlich stammt auch der Satz von Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."