Demos Friedlicher Protest gegen Rassismus in Göppingen

DIRK HÜLSER 11.10.2014
Kundgebung vor dem Rathaus und Gegendemonstration am späten Samstagnachmittag: Göppingen ganz im Zeichen des friedlichen Protests gegen Rechtsextremismus.
Die beste Nachricht des Tages wurde am Samstag um 13 Uhr vor dem Göppinger Bahnhof verkündet: „Es sind keine Nazis in der Stadt“, gab ein junger Mann übers Mikrofon bekannt. Die rund drei Dutzend jungen Antifaschisten, die friedlich bei Reggae-Musik den Bahnhofsvorplatz mit Kreide bemalen oder Kaffee trinken, sind zufrieden – genauso wie Alex Maier, Vorsitzender des Vereins „Kreis Göppingen nazifrei“. Er hatte die andere Kundgebung vor dem Rathaus organisiert. „Ich bin sehr zufrieden, wir haben ja mit allem möglichen gerechnet – es ist zum Glück alles friedlich geblieben.“

Rund 200 Zuhörer hatten eine Stunde lang den Rednern auf der mobilen Bühne gelauscht, Vertreter verschiedener Parteien, Organisationen und Kirchen hatten um die Mittagszeit das Wort ergriffen. Vor der Bühne fand zeitgleich eine Leistungsschau des Bauhofs statt, der mit fünf Fahrzeugen, darunter ein Hubwagen, präsent war – eine Idee von OB Guido Till nach dem Vorbild von Neu-Ulm, um der ursprünglich geplanten Nazidemo möglichst wenig Raum zu lassen. Die Rechtsextremisten hatten ihren Aufmarsch zwar wieder abgemeldet, die Gegenveranstaltungen fanden aber dennoch statt. Die größte Demonstration setzte sich dann gegen 16.30 Uhr in Bewegung, mehr als 300 Antifaschisten begannen ihren friedlichen Protest am Bahnhof.

Zeichen setzen gegen Rassismus

Grünen-Stadtrat Alex Maier war es, der mittags vor dem Rathaus als erster ans Mikrofon trat. Es sei schon viel unternommen worden, um zu zeigen, „dass hier in Göppingen kein Platz ist für Neonazis“. Und weiter: „Noch nie zuvor hatte ich so sehr den Eindruck, dass wir mit dieser Haltung durchdringen. Noch nie zuvor standen die demokratischen Kräfte dieser Stadt so geschlossen zusammen, um ein Zeichen zu setzen gegen Rassismus, Homophobie und Gewalt von Rechtsextremisten.“ Maier verwies auch auf den Vorsitzenden der CDU-Gemeinderatsfraktion, Felix Gerber, der gesagt hatte: „Jeder Demokrat ist auch automatisch Antifaschist.“

Gerber selbst war nicht anwesend, da er in seiner Funktion als Schulleiter einen Termin wahrnehmen musste, wie Maier bekanntgab. Der CDU-Mann unterstütze die Kundgebung aber ausdrücklich. Ansonsten war Gerbers Fraktion nicht vertreten, auch die FDP hatte – im Gegensatz zu den anderen Fraktionen – keinen Redner geschickt. Aber OB Till ergriff das Wort und freute sich, „wie vielfältig und farbenfroh unsere Hohenstaufenstadt ist“. Er verwies darauf, dass „gut ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat“. In Richtung ausdrücklich aller Extremisten sagte Till: „Wir wollen euch hier nicht haben!“
Auch der Arbeitskreis Christliche Kirchen war vertreten, Geistliche verschiedener Konfessionen, auch Muslime, gaben Statements ab.

So unterstrich der evangelische Dekan Rolf Ulmer: „Neonazis lehnen unser rechts- und Sozialsystem ab und träumen von einem Deutschland nach dem Vorbild des Dritten Reichs. Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt.“ SPD-Fraktionsvorsitzender Armin Roos forderte: „Göppingen darf niemals eine Stadt werden, wo Neonazis sagen, dass sie sich hier wohlfühlen.“ Er warnte aber auch: „Zu glauben, dass dieser braune Spuk jetzt für immer vorbei ist, wäre fatal.“

Wolfgang Berge von den Freien Wählern Göppingen unterstrich, dass seine Fraktion „gegen jede Art von Extremismus und Fremdenfeindlichkeit“ stehe. Er lobte auch das Vorgehen des Oberbürgermeisters, der Ende August die Anmeldung einer Nazikundgebung verschwiegen hatte: „Es gab kein Geschrei, ganz einfach ignoriert haben wir die braune Truppe – aber wir haben sie nicht übersehen.“ Deshalb stehe er heute auch am Rednerpult.

Der braunen Gefahr mit Nachdruck entgegen treten

Christian Stähle (Linke) nahm Bezug auf eine aktuelle Pressemitteilung der CDU-Kreisvorsitzenden Nicole Razavi, die im Namen des Kreisvorstands Extremismus von rechts und links anprangerte. „Unmissverständlich gegen Antifaschisten abgrenzen?“ fragte Stähle. „Das werde ich als Linker nicht tun, ich bin stolz darauf, Antifaschist zu sein.“

Landrat Edgar Wolff betonte in seiner Rede: „Wir treten der braunen Gefahr mit Nachdruck entgegen.“ Martin Reißmüller vom DGB warnte schließlich: „Wegschauen bedeutet, erst recht den Boden für rechtsradikales und faschistisches Gedankengut zu bereiten.“

Für Irritationen sorgte nach der Kundgebung eine Südstaatenflagge – die Kriegsflagge der Konföderation im amerikanischen Bürgerkrieg. Sie war hinter der Bühne von einer auftretenden Countryband aufgehängt worden, was Alex Maier einige unfreundliche Reaktionen bescherte. Doch der Vereinsvorsitzende verwies darauf, dass sowohl die Bühne als auch die Band von der Stadtverwaltung organisiert worden waren.

Protestmarsch vorbei am Kriegerdenkmal

Gegen 16.30 Uhr setzte sich dann der größte Protestmarsch des Tages in Bewegung: Am Bahnhof hatten sich weit mehr als 300 zumeist junge Antifaschisten versammelt. Sie liefen bis in die Nordstadt und passierten das Kriegerdenkmal und die Straße, in der der frühere Göppinger Nazi-Rädelsführer Daniel Reusch wohnt, dort wurde eine Kundgebung abgehalten. „Reusch hat versucht, von hier aus ein militantes Netzwerk aufzubauen“, sagte ein Redner. Im Februar war der frühere Landesvorsitzende der Partei „Die Rechten“ dann verhaftet worden. Dem Ruf eines Demonstranten – „Reusch, komm raus!“ – folgte der Mann, der mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist, aber nicht.