Uhingen Friedhofsruhe mit Aussicht

DIRK HÜLSER 09.08.2012
Ein nahezu vergessenes Idyll verbirgt sich hinter einem schmiedeeisernen Tor am Ortsende von Sparwiesen: der alte Friedhof. Herbert Vollmer und Werner Litz sorgen dafür, dass er als Denkmal erhalten bleibt.

Mühsam bahnen sich die Sonnenstrahlen einen Weg durch das Laub der vielen Bäume, nur Grillen und Vögel bilden die Geräuschkulisse auf diesem Fleckchen Erde, auf dem ansonsten Friedhofsruhe herrscht. Nur wenn jemand das große, schmiedeeiserne Tor öffnet, trägt der Wind ein leises Quietschen zu den Grabsteinen, die dort zum Teil seit weit mehr als 100 Jahren stehen und viele Geschichten erzählen könnten. Können sie aber nicht. Das übernehmen andere. Herbert Vollmer und Werner Litz zum Beispiel. Die beiden gehören zu Sparwiesen wie Spätzle zu Linsen oder Butter zur Brezel. Man kann sich eins ohne das andere einfach nicht so recht vorstellen.

Die beiden Männer laufen langsam den sanften Hang hinunter. Herbert Vollmer schaut sich zufrieden um. "Das ist ein historisches Denkmal." Deshalb verbringt er viel Zeit hier, um den alten Friedhof des Uhinger Teilorts zu erhalten und Werner Litz sieht das genauso. "Wir wollen es so machen, dass die letzten Grabsteine stehen bleiben." Und wenn er das sagt, ist das auch so. Was Litz anpackt, das hat Hand und Fuß. Nicht umsonst ist er Rekordhalter in Baden-Württemberg: 2010 bekam er nach 37 Jahren als dienstältester Ortsvorsteher im Land zum Ruhestand das Bundesverdienstkreuz.

"Meine Mutter war die letzte, die hier offiziell beerdigt worden ist", erzählt Vollmer - 1974 war das. Lediglich 2006 gab es noch eine Ausnahme, da bekam jemand seine längst zugesicherte letzte Ruhestätte. Am Ende des kleinen Friedhofs, dort, wo die Mauer zum Verweilen einlädt, lässt sich Vollmer nieder, direkt neben einem weiteren alten Grabstein, der auch seiner Familie gehört. "Das ist das älteste Grab, das ich pflege, es ist noch vom Ende des 19. Jahrhunderts." Seine Ur-Urgroßmutter sei hier schon gelegen, ebenso seine Urgroßmutter und Großmutter, jetzt ist hier noch sein Onkel begraben. Nach dem Ende der Liegezeit gebe es auf dem Sparwieser Friedhof immer wieder Überraschungen, so sei der Sarg seiner Urgroßmutter nahezu vollständig erhalten gewesen, als er ausgegraben wurde, erzählt der 83-Jährige.

Werner Litz hat eine Erklärung dafür: "Der Hang wurde aufgefüllt", erläutert er. Dies beschlossen der Sparwieser Gemeinderat und Bürgermeister Andreas Mühlhäuser im Jahr 1857 - weil der Hang ansonsten zu abschüssig gewesen wäre. Weiterhin wurde beschlossen, dass die Sparwieser Bürger diese Arbeit als Frondienst verrichten mussten. Das passierte auch - doch nicht ganz so, wie gewünscht. "Mühlhäuser beklagte sich beim Gemeinderat, dass die Sparwieser Männer ihre Frauen und Kinder zur Fronarbeit schickten und selbst nicht erschienen."

Bis zum Baubeschluss hatte Sparwiesen keinen eigenen Friedhof. Auf dem "Kirchenwegle" wurden die Särge immer auf einem Wagen nach Uhingen gefahren. Da der Weg aber recht steil war, kam es vor allem im Winter öfter vor, dass sich ein Sarg selbstständig machte und lange vor dem Trauerzug in Uhingen ankam. So wurde der Friedhof 1860 erbaut, die dazugehörige knapp 155 Pfund schwere Glocke auf dem Rat- und Schulhaus lieferte der Stuttgarter Glockengießer Heinrich Kurtz. Die Uhr fertigte der Mechanikus Johann Georg Müller aus Nürtingen.

Doch schon bald wurden erste Schäden am Friedhof festgestellt. 1886 wurde er deshalb komplett erneuert und die Mauer gebaut. Jakob Kneule stiftete das schmiedeeiserne Tor, das noch heute steht.

"Als noch alle Gräber da waren, war das hier ein Blütenmeer", sagt Vollmer und Litz fügt augenzwinkernd hinzu: "Jeder wollte halt ein schöneres Grab als der Nachbar haben." Die meisten Gräber sind mittlerweile verschwunden, die restlichen Grabsteine sollen aber stehen bleiben. "Wir wollen es so machen, dass die Einfassungen wegkommen, dann kann man hier einfacher mähen und Nachkommen haben keinen Pflegeaufwand mehr", erklärt Litz.

Die meisten Gräber sind längst abgelaufen. 1974 wurde der neue Friedhof hinter der Auferstehungskirche eröffnet - auf einem Areal, das Berta Blessing kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Den Bauplatz der Kirche hatte sie ebenfalls gestiftet. Seinerzeit wurde denn auch beschlossen, den alten Friedhof als Gedenkstätte zu erhalten.

Um dieses Vermächtnis kümmern sich nun Vollmer, Litz und ihr Freund Günter Schäfer. Erst unlängst seien sie hier zu dritt auf der Bank gesessen, sagt Litz. Und dann hätten sie über die Namen auf all den Grabsteinen geredet und versucht, sich zu erinnern, wer wer ist.

Auch jetzt sitzt der frühere Ortsvorsteher mit seinem Freund Herbert Vollmer auf der Holzbank, beide genießen die Aussicht ins Tal, hinter dem sich der Albtrauf mächtig vor dem Horizont erhebt. Geschichten haben sie noch jede Menge zu erzählen. Zum Beispiel jene vom Totengräber, der immer, wenn er Gräber nach Ablauf der Liegezeit geöffnet hatte, die Totenköpfe auf der Friedhofsmauer aufreihte. Was die Kinder aus dem Dorf ehrfürchtig staunen und auch leicht erschaudern ließ.

Die Freunde stehen auf und gehen wieder hangaufwärts zum Tor. Nachdem Werner Litz es mit einem leisen Quietschen zugezogen hat, herrscht wieder Ruhe. Friedhofsruhe.