Film Fred Breinersdorfer zum Kinostart von "Tagebuch der Anne Frank"

Drehbuchautor, Filmproduzent und Rechtsanwalt Fred Breinersdorfer freute  sich 2015 in Berlin nach der Verleihung des Deutschen Schauspielerpreises (DSP) im Zoo Palast über die Auszeichnung in der Kategorie "Ehrenpreis Inspiration". Jetzt läuft der Film "Das Tagebuch der Anne Frank" in den Kinos an, für den er das Drehbuch geschrieben hat.
Drehbuchautor, Filmproduzent und Rechtsanwalt Fred Breinersdorfer freute sich 2015 in Berlin nach der Verleihung des Deutschen Schauspielerpreises (DSP) im Zoo Palast über die Auszeichnung in der Kategorie "Ehrenpreis Inspiration". Jetzt läuft der Film "Das Tagebuch der Anne Frank" in den Kinos an, für den er das Drehbuch geschrieben hat. © Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)
Göppingen / Dieter Oßwald 26.02.2016
Fred Breinersdorfer hat die Vorlagen für 23 „Tatort“-Folgen geschrieben und die Drehbücher für „Sophie Scholl“, „Elser“ und den jetzt vor dem Kinostart stehenden Film „Das Tagebuch der Anne Frank“.

Herr Breinersdorfer, Sie haben gut zwei Dutzend „Tatort“-Folgen geschrieben. Können Sie sachdienliche Hinweise zu dem gerne kolportierten Gerücht geben, wonach das Autorenhonorar pro „Tatort“ bei 100 000 Euro liegen soll?

FRED BREINERSDORFER: Das Honorar für die Erstausstrahlung eines „Tatort“ ist weitaus geringer, es liegt maximal bei einem Drittel dieser Summe. Wenn man allerdings die Vergütungen aus Wiederholungen und Ausstrahlungen im Ausland zusammenrechnet, könnte dieser Betrag im Laufe der Jahre zusammenkommen. Wer einen Buyoutvertrag, also eine Einmalzahlung, akzeptiert, muss mit weniger zufrieden sein.

Das „Tagebuch der Anne Frank“ wurde bereits mehrfach verfilmt, auch Oscars hat es dafür bereits gegeben – warum braucht es jetzt eine weitere Adaption?

BREINERSDORFER: Mir haben bei den bisherigen Verfilmungen zwei Aspekte gefehlt: Zum einen die Authentizität der Vorlage. Zum anderen die starke Subjektivität, die in einem Tagebuch naturgemäß vorhanden ist. Deswegen erzählen wir diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive dieses Mädchens, was soweit geht, dass Anne direkt in die Kamera zu den Zuschauern spricht. Diesen ganz persönlichen Moment der Tagebuchaufzeichnungen zu bewahren, war mir sehr wichtig.

Wo liegt für Sie die besondere Bedeutung dieser Tagebücher?

BREINERSDORFER: Obwohl dieses Tagebuch ja zur gängigen Schullektüre zählt, wird in Buchläden die gebundene Ausgabe noch immer auffallend gut verkauft. Da muss es also eine Qualität geben, die etwas ganz Besonderes darstellt. Neben der persönlichen Situation gehört dazu diese unglaubliche Sensibilität, mit der Anne ihren Alltag unter der tödlichen Bedrohung durch die Nazis beschreibt.

Haben Sie Neues bei Ihren Recherchen für den Film herausgefunden?

BREINERSDORFER: Ja, aber leider zu spät. Erst vor kurzem wurde in New York entdeckt, dass Otto Frank, der Vater von Anne, der als einziger überlebt hat, sich nach Kriegsbeginn intensiv um ein Visum für seine Familie in die USA bemüht hatte – leider ohne Erfolg. Hätte ich davon vorher erfahren, hätte man dazu durchaus noch intensiver Bezüge zu der aktuellen Situation von Flüchtlingen herstellen können.

Wo sehen Sie diese Aktualität?

BREINERSDORFER: Verfolgung, Vertreibung, Flucht und Vernichtung von Menschen sind Themen, die uns nie loslassen werden, leider, wie sich gerade wieder herausstellt. Bei unserer jahrelangen Arbeit war nicht vorherzusehen, dass sich innerhalb weniger Wochen das Gesicht Europas durch tausende verzweifelte Kriegsflüchtlinge ändern würde. Das Thema unseres Films ist mitten im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Warum hassen so viele Menschen in Europa die Flüchtlinge und sehen nicht ihre Not? Das Schicksal von Anne, ihrer Familie und ihrer Leidensgenossen mahnt intensiv zu Menschlichkeit. Die Hypotheken von Kriegen, Flucht und Vertreibung und ganz besonders des Holocausts lasten schwer auf uns Deutschen. Wenn unser Film über das Schicksal einer verfolgten und vernichteten jüdischen Familie einen Beitrag dazu leistet, dass Zuschauer sich gegenüber Flüchtlingen öffnen und helfen, sind wir alle stolz.

Wie wichtig war Ihnen Authentizität? Und wie lässt sich diese mit künstlerischer Freiheit vereinbaren?

BREINERSDORFER: Authentizität ist wichtig, wenn man einen Film über eine historische Person macht. Ich habe deswegen das Tagebuch ins Zentrum gerückt, oft sogar mit Originalzitaten und mit Dialogteilen aus dem Text von Anne. Für künstlerische Freiheit ist immer noch genügend Raum, denn einiges bleibt auch in so einem intimen Text wie einem Tagebuch unausgesprochen. Anne hat ja kein Drehbuch geschrieben. Und alleine die schon erwähnte Auswahl der Stoffkomponenten, ihre Komposition und deren filmische Umsetzung verlangen eine große künstlerische Leistung des gesamten Teams.

Nach „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und „Elser“ ist dies Ihre dritte Aufarbeitung des Widerstandes in der Nazi-Zeit – belasten einen solche schweren Themen nicht auf Dauer?

BREINERSDORFER: Für mich bedeutet Widerstand in der Nazi-Zeit ein Lebensthema. Das hängt ganz persönlich auch damit zusammen, dass mein Vater ein Angehöriger der Waffen SS war und in unserer Familie Themen wie Holocaust oder Kriegsschuld geleugnet wurden oder tabu waren – was mich als Jugendlichen natürlich erst recht zum eigenen Nachdenken und zum Widerspruch anspornte.

Wäre diese Verstrickung Ihres Vaters und Ihr Umgehen damit nicht selbst schon ein ideales Filmthema?

BREINERSDORFER: Mein Vater war ein unbelehrbarer Nazi bis an das Ende seines Lebens. Ich erinnere mich an eine Kindheit, als einstige Nazi-Größen wie Oberst Rudel oder Hitlers Pilot Ernst Bauer bei uns zum Kaffee erschienen. Bei der Sichtung seines Nachlasses habe ich entdeckt, wie trickreich er sich um die Entnazifizierung gemogelt hat. Trotz Mitgliedschaft in der Waffen SS war er nach meinen Recherchen aber kein Kriegsverbrecher. Als Filmstoff hätte das also eine zu geringe Fallhöhe und böte letztlich nicht mehr als einen – zwar politischen – Generationenkonflikt.

Im Unterschied zu den Stars führen Drehbuchautoren in der Öffentlichkeit ein ziemliches Stiefmütterchen-Dasein – fühlen Sie sich nicht etwas ungerecht behandelt?

BREINERSDORFER: Das geht Kameraleuten oder Schnittmeistern nicht anders. Film ist immer die Leistung eines ganzen Ensembles. Der Name des Regisseurs ist auf den Postern fast immer genauso klein gedruckt wie unserer im „Billing Block“. Anerkennung von Kollegen ist mir viel wichtiger. Wenn ich scharf auf Photocalls und Roten Teppich gewesen wäre, hätte ich Schauspieler werden müssen.

Im vorigen Jahr gab es 150 deutsche Filme, der internationale Erfolg tendierte zu Null. Sind die Autoren durch Vorgaben der TV-Sender zu weichgespült und brav bei Ihren Stoffen?

BREINERSDORFER: „Elser“ ist im Ausland ein ziemlich großer Erfolg, er läuft auf der ganzen Welt. Das pauschale Lamentieren über TV-Redakteure, die keinen Blick für den internationalen Markt hätten, ist falsch. Viele machen einen guten Job. Gleichwohl erfüllt sich für mich gerade ein Autoren-Traum, weil ich von einem großen internationalen Unternehmen für eine horizontal erzählte Premium-Serie zusammen mit einem kanadischen Kollegen engagiert wurde. Der kommerzielle Blick auf die Märkte und der Respekt vor den Autoren sind in dieser Liga noch erheblich intensiver.

Ihr Kollege Woody Allen arbeitet mittlerweile gleichfalls für TV-Anbieter. Teilen Sie dessen eiserne Disziplin, sich jeden Morgen um 8 Uhr an das Schreiben zu machen?

BREINERSDORFER: Nein, ich kann mittlerweile auch unterwegs prima schreiben, selbst morgens im Warteraum eines Flughafens. Früher hatte ich so einen Zettelkasten wie Woody Allen, in dem ich Notizen mit guten Einfällen aufbewahrte. Da gab es sogar ein Kärtchen mit Namen, die mir gut zu passen schienen. Oder ich entwarf für jede Figur eigens einen individuellen Fragebogen wie im Bewerbungsgespräch. Heute bin ich da routinierter. Und ich schreibe, wenn mir was einfällt und nicht wenn der Wecker klingelt.

Es gibt Dutzende Ratgeber für Drehbuchautoren – lässt sich Schreiben lernen?

BREINERSDORFER: Bis zu einem gewissen Grad sicher – aber Talent gehört beim Schreiben schon auch zum Handwerk.

Was ist der größte Fehler für einen Drehbuchautor?

BREINERSDORFER: Der größte Fehler eines Autors ist es, nicht kommunikativ zu sein. Wer glaubt, er wäre das wahnsinnige Originalgenie, ist nicht teamfähig. Im Film muss man ein Mannschaftsspieler sein. Ich jedenfalls sehe mich wie ein offensiven Mittelfeldspieler im Fußball, der Räume aufmachen muss und nicht zustellen darf – aber Gegenpressing kann ich auch ganz gut, damit das Spiel nicht verloren wird.

Was ist der größte Fehler für ein Drehbuch?

BREINERSDORFER: Es gibt sogar zwei größte Fehler: Keine Emotion. Und keine Spannung.

Zurück zum „Tatort“ – wie sehen Sie als Veteran den Hype, den dieses Format mittlerweile begleitet, vom geselligen Public Viewing bis zum medialen Live-Ticker, der die Sendungen begleitet?

BREINERSDORFER: Ich finde die Begeisterung des Publikums für ein Format, das sie nicht nur durch seine regionalen Eigenheiten auszeichnet, sondern sich auch ständig neu erfindet, faszinierend. So grandios und innovativ „Breaking Bad“ als TV-Serie gewesen war, irgendwann war sie eben auserzählt – dieses Schicksal droht dem „Tatort“ nicht!

Das klingt fast nach einem Lob für Til Schweiger?

BREINERSDORFER: Ich würde jetzt nicht ins Kino gehen, um mir seinen „Tschiller-Tatort“ anzuschauen. Aber seine innovativen Impulse für das Format finde ich interessant und notwendig. Wobei mein persönlicher Favorit derzeit auf jeden Fall der „Tatort“ mit Ulrich Tukur und seine abgefahrenen Stoffe ist. Das ist ein sehr schöner Beweis dafür, wie man dramaturgische Ketten sprengen kann und dabei neue Räume öffnet.

Persönliche Daten

Name: Fred Breinersdorfer
Geburtstag: 6. Dezember 1946
Geburtsort: Mannheim
Wohnort: Berlin

Beruflicher Werdegang: Studium der Rechtswissenschaft und Soziologie in Mainz und Tübingen mit Promotion, Lehrtätigkeit an Hochschulen im Medien und Urheberrecht, 17 Jahre vertritt er als Rechtsanwalt Mandanten vor allem im Bereich des Hochschulrechts, Tätigkeit als Schriftsteller (vor allem Krimis und Drehbücher), Regisseur und Produzent 1997 bis 2005 Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Schriftsteller (VS), ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und verschiedener Akademien
Bücher: u.a. Reiche Kunden killt man nicht (1980), Frohes Fest Lucie (1981), Der Dienstagmann (1984), Notwehr (1986), Das Biest 1998

Drehbücher: u.a. Der Hammermörder (1990), Der Mann mit der Maske (1994), Duell der Richter (1997), Die Hoffnung stirbt zuletzt (2001), Die Spielerin (2005), Sophie Scholl (2005), Der Chinese (2011), Elser – Er hätte die Welt verändert (2015), Das Tagebuch der Anne Frank (2016)
Auszeichnungen: u.a. Adolf-Grimme-Preis mit Gold (2003), Deutscher Filmpreis (2005), Nominierung zum Oscar (2006), Murnau-Kurzfilmpreis (2008), Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg (2012), Bundesverdienstkreuz (2014), Friedenspreis des Deutschen Films (2015)

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