Göppingen Forum der Göppinger Bürgerallianz diskutiert über Bildung

Die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums macht die Reform nach Meinung vieler Diskussionsteilnehmer auch nicht übersichtlicher. Foto: Archiv
Die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums macht die Reform nach Meinung vieler Diskussionsteilnehmer auch nicht übersichtlicher. Foto: Archiv
SYLVIA NICKUS 14.06.2012
Mit der Schulreform der Landesregierung gingen die Teilnehmer des Bürgerforums der Göppinger BAG hart ins Gericht. Beklagt wurde ein Chaos in der Bildungspolitik. Die Erwartungen seien nicht erfüllt worden.

Die Bürger Allianz Göppingen BAG hatte zum dritten Bürgerforum nach Göppingen eingeladen, um über die Veränderungen in der baden-württembergischen Bildungspolitik zu diskutieren. Die Neuerungen der grün-roten Schulreform sorgten für Chaos in der Bildungspolitik, die Erwartungen der 110 000 Lehrer seien mehr oder weniger nicht erfüllt worden, so der Tenor der Veranstaltung. Nach zweistündiger konstruktiver Diskussion zeigte sich das Gremium und die rund 25 Besucher der Veranstaltung einig: Man empfiehlt der Landesregierung, sich Sachverstand einzuholen, damit man nicht Chaos in der Schullandschaft produziere, sondern eine Schule mit Zukunft schaffe.

Die Landtagswahl hatte im vergangenen Frühjahr zu einem Regierungswechsel geführt, Schwarz-Gelb wurde von Grün-Rot abgelöst. Die Beurteilung für die neue SPD-Ministerin für Kultur, Jugend und Sport Gabriele Warminski-Leitheußer schwankt zwischen "Bankrotterklärung" (VEB) und "Enttäuschung" (GEW). Umstritten ist nicht nur die neue Schulreform der Gemeinschaftsschulen, auch der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung ist ein Diskussionsthema und die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums macht die Reform nach Meinung vieler Diskussionsteilnehmer auch nicht übersichtlicher, denn dafür wäre die Überprüfung der Lehrerkapazität notwendig gewesen.

An vielen Schulen fällt der Unterricht aus, weil aus Lehrermangel eine Krankheitsvertretung nicht möglich ist. Die Klage der Bürgerallianz (BAG), die bei ihrem 3. Bürgerforum mit Vertretern der Schulen, der Stadtverwaltung und der Eltern diskutierte, fiel deutlich aus: "Übervolle Realschulklassen erfordern eine Senkung des Klassenteilers, eine individuelle Förderung der Schüler bleibt auf der Strecke. Vieles wird angestoßen, nichts ist wirklich durchdacht. Es gibt eine Menge angefangener Baustellen und ausbaden müssen das die Schüler, Lehrer und Eltern." Gabriele Zull, erste Bürgermeisterin der Stadt Göppingen, verdeutlichte anhand aktueller Zahlen, dass die Schülerentwicklung der Gesamtstadt Göppingen mit 35 Prozent rückläufig ist, wie in ganz Baden-Württemberg. Der erwartete Run auf die neu eingerichtete Gemeinschaftsschule blieb aus. "Es geht jetzt um Standortsicherung."

Klaus Bühler, Rektor der Walter-Hensel-Schule und geschäftsführender Schulleiter der Göppinger Grund-, Werkreal-, Real- und Sonderschulen, berichtete von der praktischen Erfahrungen mit der unverbindlichen Grundschulempfehlung: "In den mit den Eltern geführten Gesprächen zeigten diese sich zwar einsichtig, aber das Anmeldeverhalten zeigt anderes." Viele Eltern folgten der Empfehlung nicht, sondern meldeten ihr Kind für das Gymnasium an. "Man hat erwartet, dass die Realschulen voll werden, aber dem war nicht so."

Falscher Ehrgeiz der Eltern und Nachhilfeunterricht schon in Klasse drei und vier trimmten die Kinder fürs Gymnasium, die Verantwortung läge bei den Eltern, sagte Bühler. Dabei sei die Chance auf einen Ausbildungsplatz mit einem ordentlichen Hauptschulabschluss gut, die Erfolgsquote bei langsamen und praktisch veranlagten Schülern läge bei der Vermittlung in Ausbildungsplätze bei 100 Prozent, die Kooperation Schule und Wirtschaft mache es möglich. Große Sorge bereite ihm die Lehrerversorgung, es fehlen Vollzeitdeputate, um überhaupt den Pflichtunterricht abdecken zu können. Günter Roos, Schulleiter des Freihof Gymnasiums und geschäftsführender Schulleiter der Göppinger Gymnasien, berichtete, die Landesregierung wolle die A- bis C-Kurse nicht, stattdessen sollen die Schüler nach Kompetenzstufen unterrichtet werden, auch mit zweiter und dritter Fremdsprache, "aber wie das gehen soll, das weiß momentan niemand, da bekommen wir keine Antwort." Trotzdem werde damit begonnen. Momentan sei noch nicht einmal ein Termin für die Vorlage eines Ganztagesschulkonzeptes bekannt, so Roos, es gebe kein grundlegendes Konzept. Auch Gesamtelternbeiratsvorsitzende Stephanie Schupp beklagte Chaos und die Verunsicherung. "So kann es nicht weitergehen, wir brauchen mehr Lehrer."

In der Diskussion war man sich einig, dass in der Einführung der Gesamtschulen eine Chance liegt, die es zu nutzen gilt. Die Kinder seien noch keine zehn Jahre alt, wenn sie sich für eine weiterführende Schulart entscheiden müssen, das sei zu früh. In der Gemeinschaftsschule könnten die Kinder die für sie geeignete Schule finden und den ihnen gemäßen Abschluss machen, ohne den Schulort wechseln zu müssen. Der grün-roten Landesregierung könne man nur raten, sich Sachverstand einzuholen, damit sie kein Chaos veranstalte, sondern eine zukunftsfähige Schule schaffe.