Während es Melek nicht schnell genug gehen kann ins Wasser zu kommen, macht ihr Bruder Mohammed bedeutend langsamer Bekanntschaft mit dem kühlen Nass. „Hallo, mich auch“, ruft dagegen der kecke Abdur, wedelt mit den Armen und will unbedingt mit seinem Bruder Riyyan mit aufs Bild. Neben dem Quartett aus dem Irak und aus Pakistan, vervollständigen außerdem noch Ibrahim und Ismail aus Serbien, Romarjo aus Albanien sowie Hope aus Nigeria den Schwimmkurs für Kinder von Asylbewerbern. In zehn Unterrichtseinheiten sollen die Fünf- bis Achtjährigen von Christine und Adriana Laurenzano das Schwimmen lernen, beide sind ausgebildete Schwimmlehrerinnen vom Haus der Familie.

Alle bereit? Umgezogen und geduscht geht es endlich ab ins Wasser, wo sich alle an den Händen fassen und solange im Kreis drehen, bis es jedem richtig warm geworden ist. „26 Grad im kleinen Becken bei 1,35 Meter Wassertiefe und 24 Grad im großen Becken, bei 1,80 bis 4 Meter Wassertiefe“, nennen die beiden Fachangestellten für Bäderbetriebe Lars und Robert die Eckdaten. Während die Schwimmmeister das Gelände des an diesem Montagvormittag mäßig besuchten Göppinger Freibads fest im Blick haben, geht die „Mission schwimmen lernen“ in die zweite Phase. „Wir drehen uns alle vom Rücken auf den Bauch“, wie die Orgelpfeifen halten sich die Flüchtlingskinder am Beckenrand fest und üben mit sanfter Unterstützung von Mutter und Tochter Laurenzano die typischen Beinbewegungen. Anschließend dürfen ein paar größere Jungs und das einzige Mädchen ins tiefere Becken. Reicht es für die Kinder zum Stehen, verleite dies zum Laufen und erwecke den Irrtum, dass sie schwimmen könnten, weiß die Expertin. Zum Schluss kommen die Poolnudeln zum Einsatz. Eng um die Brust geschmiegt verleihen die biegsamen Helfer Sicherheit im Wasser und siehe da, bei einigen klappt das Schwimmen schon ganz prima. Was für ein Spaß, was für ein Gekreische. „Solange du nicht richtig schwimmen kannst, wird nicht gesprungen“, mahnt Christine Laurenzano einen überaus quirligen Gesellen und ergänzt schmunzelnd: „Kinder sind halt Kinder. Wir probieren, ihnen mit Freude das Schwimmen nahe zu bringen. Dennoch sei es sehr viel Verantwortung, man könne die Kinder schlechter einschätzen und aufgrund der andersartigen Kulturen, gebe es auch erhebliche Unterschiede in der Motorik“.

Große Verantwortung trägt außerdem Praktikantin Katrin Glässel, die in der Villa Butz gerade ihr Praxissemester absolviert. Gemeinsam mit einer weiteren Vertrauensperson begleitet sie die Kindergruppe von der Unterkunft Pappelallee ins Freibad und wieder zurück. „Das sind etwa 20 Minuten Fußweg, aber wir müssen da gut aufpassen, weil es direkt an einer stark befahrenen Straße entlang geht“, berichtet die junge Frau, die Soziale Arbeit studiert. Gehört Badespaß im Freibad oder am See für fast alle Kinder und Jugendlichen zu den schönsten Dingen, die der Sommer zu bieten hat, sei das für diese sich noch fremd fühlenden Jungen und Mädchen keine Selbstverständlichkeit. „Kinder aus Flüchtlingsfamilien haben in der Regel gar keine Schwimmerfahrung“, verraten Christine und Adriana Laurenzano.

Beide Schwimmlehrerinnen bieten das ganze Jahr über unterschiedliche (Anfänger-)Kurse sowohl im Auftrag der VHS, als auch vom Haus der Familie inklusiv für Kinder mit und ohne Handicap an. „Der Schwimmkurs in den Ferien ist eigens für Kinder von Asylbewerbern und dank der Förderung durch die Carl-Hermann-Gaiser-Stiftung, können diese Kurse allen zu günstigen Bedingungen angeboten werden.

Deutschland mutiert zum „Nichtschwimmerland“


Dramatisch Laut einer Forsa-Umfrage mutiert Deutschland immer mehr zum „Nichtschwimmerland“. Schon 2005 konnte sich ein Drittel der Zehnjährigen nicht sicher im Wasser bewegen. 2010 war es jedes zweite Kind, nun sind es 59 Prozent (Erwachsene knapp 50 Prozent). Gleichzeitig ertranken in den vergangenen zwei Jahren wieder deutlich mehr Menschen.

Trugschluss Viele Eltern meinen, das Seepferdchen reiche für ihr Kind aus. Ein Irrtum. Das Abzeichen gebe lediglich an, dass sich das Kind auf einer Strecke von 25 Metern über Wasser halten könne und nicht sofort untergeht. Schwimmen lerne man alleine damit aber nicht.

Wichtig Als Schwimmer zählt, wer 200 Meter in 15 Minuten schwimmen kann und einen Sprung ins Wasser macht. ack