Göppingen Festakt zum 175-jährigen Bestehen der Wilhelmshilfe

Göppingen / WERNER SCHMIDT 11.10.2014
Die Wilhelmshilfe besteht jetzt seit 175 Jahren. Zum Festakt in der Göppinger Stadthalle kamen am Freitag viele Gäste. Redner würdigten die Leistung der Wilhelmshilfe, die als Kinderrettungsanstalt begonnen hat.

Mit zahlreichen Gästen aus Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik sowie aus sozialen Bereichen feierte die Wilhelmshilfe am Freitag ihr 175-jähriges Bestehen. In der Göppinger Stadthalle fanden sich am Nachmittag zahlreiche Ehrengäste zu Feier und Geburtstagsempfang ein.

Als "Kinderrettungsanstalt" war die "Wilhelmshilfe" 1839 zur Zeiten der Regentschaft des württembergischen Königs Wilhelm I gegründet worden. Dessen Namen trägt die Wohlfahrtsorganisation noch immer. Festredner und Chef des Sozialverbandes VDK in Baden-Württemberg, Roland Sing, stellte denn auch fest: "Wie die Gründung damals ohne staatliche Hilfe zustande kam, ist bemerkenswert."

Bis zur Übernahme der Macht durch die Nazis übte der Verein seine Aufgabe aus. Danach näherte sich der Verein den braunen Machthabern immer mehr an, bis sich der Verein während des Zweiten Weltkrieges auflöste. Sein gesamtes Vermögen fiel an die NSV (an das eng mit der NSDAP verknüpfte Amt für Volkswohlfahrt).

Nach dem Krieg nahm der Verein wieder seine Arbeit auf, änderte aber die Ziele: Nicht mehr Kinder und Jugendliche standen im Mittelpunkt, jetzt galt das Augenmerk der Pflege und Betreuung alter Menschen. Daraus leitete Roland Sing die zentrale Botschaft ab: "Die Solidarität mit den Schwächeren in der Gesellschaft muss gelebt, organisiert und finanziert werden." Zur Finanzierung trugen während der gestrigen Feierstunde Landrat Edgar Wolf und Göppingens Oberbürgermeister Guido Till bei. Beide überreichten Schecks für die Arbeit des Vereins.

Roland Sing aber lenkte in seiner Rede das Augenmerk auf eine vielfach kritisierte, aber ebenso oft gerühmte "Erfindung" - die Pflegeversicherung. Sie habe die Pflegestruktur in der Bundesrepublik nachhaltig verbessert. Aber sie sei auch in die Jahre gekommen: "Bei aller Wertschätzung - jetzt besteht Handlungsbedarf für eine notwendige Pflegereform." Pflege nicht mehr nur messen an den körperlichen Gebrechen, sondern auch Demenzkranke aufnehmen, verlangte er. Und zwar "jetzt! Nicht erst in drei oder vier Jahren", forderte der VDK-Chef. Zudem müssten pflegende Angehörige entlastet werden: "Sie tragen die Hauptlast." Ihre Erholung müsse auf eine rechtliche Grundlage gestellt werden. Weder werden pflegende Angehörige noch Demenzkranke bisher angemessen berücksichtigt.

Gleichzeitig verlangte Sing einen Paradigmenwechsel. Die Versorgung der Patienten müsse mehr aus dem Blickwinkel der Patienten erfolgen. Und er forderte mehr "bürgerschaftliches Engagement" durch Einbindung ehrenamtlicher Helfer als wirksame Ergänzung zu den professionellen Pflegekräften.

Davon forderte die Pflegerin Susanne Hellmann mehr: "Man kommt an seine persönlichen Grenzen. Wichtiger als mehr Geld wäre mehr Personal", sagte sie in einer kurzen Podiumsdiskussion, in der Landrat Wolf feststellte, der Landkreis Göppingen profitiere stark von der Kompetenz der Wilhelmshilfe. Sie ist ein Markenzeichen des Landkreises. Er lobte die gute Zusammenarbeit und wünschte die sich auch für die Zukunft.

Für Oberbürgermeister Guido Till ist die Wilhelmshilfe nichts anderes als ein Teil, der das Leben in Göppingen lebenswert macht: "Die Wilhelmshilfe trägt dazu bei, dass wir in unserer Stadt alt werden können."

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