Klangkultur Feinste Nuancen im Meisterkonzert

Begeisterten ihr Publikum in der Göppinger Stadthalle: Lena Neudauer (Violine) und Lauma Skride (Klavier).
Begeisterten ihr Publikum in der Göppinger Stadthalle: Lena Neudauer (Violine) und Lauma Skride (Klavier). © Foto: Staufenpress
Göppingen / Ulrich Kernen 05.02.2018

Erlebte man im Herbst einen Cellisten, dessen Spiel eher an naturgewaltige Eruptionen erinnerte, so traf man bei Lena Neudauer nun auf das glatte Gegenteil: Bis in feinste Details spürte sie dem musikalischen Kern der vier ausgewählten Werke nach. Das konnte ihr nur deshalb gelingen, weil sie über eine unglaublich verfeinerte Spielkunst verfügt und weil sie ein wundervoll klingendes Instrument hat, welches das Potential für diese klanglichen und dynamischen Differenzierungen besitzt. Ihre Partnerin am Klavier brauchte zwar eine kleine Weile, bis sie sich auf dem Flügel zurechtfand, ging dann aber kongenial auf die Violinstimme ein.

Nichts zerfiel in Details, was man angesichts der Fülle an nuancenreichen Details vielleicht hätte befürchten können.  Jeder Satz hatte sein wohldurchgeformtes Gesicht – seine musikalische Botschaft. Der Preis für ein so überaus kontrolliertes Spiel war dann allerdings, das Spontanëität und zupackendes Spiel mitunter zu kurz kamen.

Ein Konzert mit der eher düsteren a-moll Sonate opus 23 von Beethoven zu eröffnen, ist gewagt. Sie drängt stets vorwärts und die Sätze versinken am Ende  in einer dunklen Coda. Lena Neudauer hielt die Spannung durch und wahrte überall klare und seelenvoll ausgespielte Linien. Wie befreit griffen die beiden Künstlerinnen dann zu Ravels Violinsonate. Unerhört leuchtende Melodien im „Dolcissimo“ verhalfen manchem „Hustler“ im Publikum zu verzücktem Luftanhalten.

Mit hörbarer Lust ging das Duo dann die beiden folgenden Sätze an: Die Violine verwandelte sich in ein Banjo und ein Saxofon, das die Kraft und die Gelassenheit des Blues‘ zelebrierte und dabei noch jede Menge französischen Charmes untermischte.

Das abschließende „Perpetuum mobile“  war dann Faszination pur! Da ging die Post ab und dank der Klasse von Neudauer und Skride vergaß man die enormen technischen Schwierigkeiten. Bei der  Sonatine D-Dur von Franz Schubert ging ein Raunen durch den Saal, weil sie vielen wohlbekannt war.

Das Duo nahm die großen Linien ins Visier und tauchte in unerwartete Pianobereiche ein, sodass die Doppelbödigkeit anklang, die sich durch das Werk Schuberts zieht: eine Einladung, ein altbekanntes Werk neu zu hören. Weit ausladende und ab und zu auch kräftig deklamierte Cantilenen der Violine lagen dann in den schnellen Sätzen der ersten Violinsonate von Gabriel Fauré über den ungewohnten Klangwellen des Klaviers.

Ganz in ihrem Element war Lena Neudauer in dem perlenden Scherzo, das mit seinen flirrenden Pizzicati ein geigerisches Kabinettstückchen ist, welches Lust auf mehr machte. Kein einziger Huster zerstörte die Zugabe, eine hauchzarte Berceuse von Maurice Ravel voller intensiver Innigkeit: Das war hohe Kunst in einer Zeit, in der hemmungslos und rücksichtslos verstärkte Musik „zum guten Ton“ gehört: ein wahrhaft seltener, kostbarer Augenblick!

Eine ungewöhnliche Karriere

Supertalent  Lena Neudauer, geboren 1984, passt in keine Schublade. Mit drei Jahren erstes Geigenspiel, mit elf Unterricht am Mozarteum in Salzburg, mit 15 gewinnt sie den Leopold-Mozart-Wettbewerb in Augsburg: Alles weist auf eine frühe Starkarriere hin.

Studium Sie entscheidet jedoch anders: Es folgt intensives Violinstudium bei Christoph Poppen, Helmut und Thomas Zehetmair, Erweiterung ihres Horizonts mit viel Kammermusik, Neuer Musik und „historisch-informierten“ Spieltechnik Alter Musik. Sogar ein Ausflug in eine Rockband (Schlagzeug!) fehlte nicht. Sie heiratet und wird Mutter zweier Kinder.

Kontakte Die Liste ihrer künstlerischen Kontakte zu nationalen und internationalen Orchestern  ist lang, darunter das Symphonie Orchestra of India  und die Münchner Symphoniker. Sie arbeitete  mit Weltklasse-Dirigenten zusammen.  Ihre Liebe zu Festivals führte sie auch zum angesehenen Kammermusik Festival in Hohenstaufen.