Kreis Göppingen FDP-Blockade löst Streit aus

Steht auch auf der Schließungsliste: die Schlecker-Filiale in Rechberghausen. Tausende Schlecker- Mitarbeiter suchen jetzt einen Job. Foto: Giacinto Carlucci
Steht auch auf der Schließungsliste: die Schlecker-Filiale in Rechberghausen. Tausende Schlecker- Mitarbeiter suchen jetzt einen Job. Foto: Giacinto Carlucci
HELGE THIELE, JOA SCHMID, NADJA KIENLE, LARISSA RUPP 02.04.2012
Der Ärger über die FDP-Absage an eine Schlecker-Transfergesellschaft ist noch nicht verraucht. Im Kreis macht sich besonders der Grüne Jörg Matthias Fritz zum Anwalt der Schlecker-Mitarbeiter.

Mit großer Bestürzung reagierte der Göppinger Landtagsabgeordnete der Grünen, Jörg Matthias Fritz, auf das Scheitern der Transfergesellschaft für die Schlecker-Mitarbeiterinnen. "Die Republik lässt sich von der FDP, einer Ein-Prozent-Partei, auf der Nase herumtanzen", kommentiert der Politiker die FDP-Blockade einer Bürgschaft Bayerns für eine Schlecker-Transfergesellschaft. "Offenbar hat Bundeswirtschaftsminister Rösler (FDP) aus Profilsucht eine vernünftige Lösung verhindert, indem er Druck auf die jeweiligen FDP-Wirtschaftsminister in den Ländern ausgeübt hat." Der Grüne kann diese Haltung nicht nachvollziehen. "Leiden tun die Schlecker-Frauen." Zwar gebe es offene Stellen im Verkauf, aber nicht unbedingt auf dem flachen Land, wo Schlecker stark vertreten ist. Fritz: "Wir haben in Baden-Württemberg 1093 Frauen, die bei Schlecker Teilzeit arbeiten und für die wäre eine Auffanggesellschaft mit zusätzlichen Qualifizierungsmaßnahmen eine große Hilfe gewesen."

Der Göppinger FDP-Bundestagsabgeordnete Werner Simmling verteidigt dagegen die Haltung seiner Partei und kritisiert seinerseits den "Pawlowschen-Reflex von Grün-Rot". Der allgemeinen Lesart, wonach 11 200 Schlecker-Frauen jetzt die Kündigung ins Haus stehe, weil die FDP-Minister in Niedersachsen, Bayern, Sachsen und Hessen sich geweigert hätten, einer Transfergesellschaft zuzustimmen, widerspricht Simmling. Vor dem Hintergrund, dass Schlecker seinen Sitz in Baden-Württemberg habe, müsse man sich vielmehr fragen, "weshalb unser Superminister für Finanzen und Wirtschaft, Nils Schmid, und Ministerpräsident Kretschmann so kolossal gescheitert sind". Und: "Warum hat Baden-Württemberg nicht Ernst gemacht und hat die 70 Millionen Euro vorgestreckt?" Die grün-rote Landesregierung in Stuttgart, so Simmling, wolle ihr Versagen nun lautstark der FDP in die Schuhe schieben. "Dabei haben wir doch die Erfahrung mit der gescheiterten Rettung von Holzmann und anderen Unternehmen gemacht", ärgert sich der Göppinger FDP-Bundestagsabgeordnete.

Der zur evangelischen Akademie Bad Boll gehörende Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) kritisiert dagegen das Scheitern der Verhandlungen um eine Transfergesellschaft. Esther Kuhn-Luz, Wirtschafts- und Sozialpfarrerin in Stuttgart und Vorsitzende des KDA: "Bund und Länder lassen 11 000 vorwiegend weibliche Fachkräfte im Stich. Das ist ein fatales Signal in Zeiten milliardenschwerer Rettungsschirme für Banken. Sind Menschen etwa nicht ,systemrelevant?"

Kuhn-Luz warnte auch davor, dass viele der Gekündigten nun nicht mehr wie bisher in tariflich gebundenen Vollzeitstellen unterkommen würden. Tatsächlich plagen Schlecker-Mitarbeiter auch im Landkreis Existenzsorgen. Von der massiven Entlassungswelle sei auch die Filiale in Bad Boll betroffen, berichtet eine langjährige Mitarbeiterin. "Wir sind nervlich völlig am Ende", erklärt die 48-Jährige aus Holzmaden, die allerdings selbst von der Entlassung verschont blieb. Drei ihrer Kolleginnen hätten eine Kündigung bekommen. Teils waren diese Mitarbeiterinnen bereits 20 beziehungsweise 15 Jahre für Schlecker tätig.

Dass die geplante Auffanggesellschaft nun scheiterte, findet die Mitarbeiterin, die seit 20 Jahren in der Filiale in Bad Boll arbeitet, sehr traurig. Diese hätte für die gekündigten Arbeitnehmer eine sechsmonatige Gehaltsgarantie von 80 Prozent des letzten Nettogehaltes gewährleistet. Seit Januar werde ihr Lohn durch Insolvenzgeld gezahlt - für März belief sich dieses auf lediglich 75 Prozent. "Ab April übernimmt die Lohnzahlung wieder Schlecker", berichtet die verunsicherte Angestellte, die darüber im Unklaren ist, welches Gehalt zum Monatsende ausgezahlt wird. "100 Prozent vermutlich nicht."

Von den vielen Kündigungen waren auch leitende Angestellte betroffen: So eine 44-jährige Göppingerin, die bisher die Filiale in Weilheim an der Teck im Landkreis Esslingen leitete. Diese Filiale wurde zwischenzeitlich ebenfalls geschlossen. Dort seien insgesamt vier Mitarbeiter beschäftigt gewesen, die sich jetzt ebenfalls auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstellen machen müssen, berichtet die Göppingerin. Teils seien die Zeitverträge dieser Beschäftigten ausgelaufen, einer anderen sei eine Stelle in einer für sie nicht erreichbaren Schlecker-Filiale angeboten worden.

Die ehemalige Filialleiterin war zunächst 17 Jahre in Bad Boll beschäftigt, bevor sie vor drei Jahren die Leitung in Weilheim übernahm. Wie es nun weitergehen soll, weiß die 44-Jährige nicht. Mit dieser Ungewissheit sehen sich momentan insgesamt 10 000 gekündigte Schlecker-Mitarbeiter konfrontiert. "Das sind viel zu viel", meint die Bad Boller Angestellte kopfschüttelnd. Nach ihrer Auffassung müsste die Politik in dieser Situation eingreifen. "Der große Krach kommt erst noch", ist sich die ehemalige Filialleiterin sicher.