Frau Merzenich, was hat Sie bewogen, Ihren Beruf als freie Hebamme aufzugeben? Fällt Ihnen das nicht schwer?

CLARISSA MERZENICH: Ja, es ist schwer und ich hätte mir das auch anders gewünscht. Aber uns freien Hebammen wird immer mehr die Existenzgrundlage entzogen. Seit ich hier in Faurndau bin, haben schon zwei Kolleginnen aufgegeben und jede Kollegin überlegt sich, wie es weitergehen soll.

Was konkret macht Ihnen das Leben und Arbeiten so schwer?

MERZENICH: Aktuell bedroht vor allem die weiter ungeklärte Versicherungsfrage unsere Existenz.

Inwiefern?

MERZENICH: Die Versicherungsunternehmen wollen uns freie Hebammen nicht mehr versichern. Nach langem Kampf konnten wir erreichen, dass die Verträge bis 2016 verlängert wurden, aber was darüber hinaus ist, wissen wir noch nicht. Ohne diese Haftpflichtversicherung darf ich aber als Hebamme nicht arbeiten. Wir hängen völlig in der Luft, können nicht fürs nächste Jahr und schon gar nicht darüber hinaus planen. Für mich als Unternehmerin ist das der blanke Wahnsinn und mit der Grund, weshalb ich aufhöre. Außerdem würde ich die schlechte Lage stützen, wenn ich weiter machen würde. Der GKV und die Politik wird sich dadurch erst recht nicht um eine schnelle und praktikable Lösung bemühen.

Ihr Verband klagt auch über die hohe Versicherungssumme . . .

MERZENICH: Ja, sie beträgt bei einer Versicherungssumme von sechs Millionen Euro - diese Höhe empfiehlt unser Verband - etwa 6400 Euro im Jahr, das muss man erst mal erarbeiten und man hat als Unternehmerin ja auch noch viele andere Kosten. In der Schweiz, zum Beispiel, wo das Hebammenwesen blüht, kostet die Versicherung bei einer Schadenssumme von zehn Millionen gerademal 1000 Franken.

Wäre das Modell Schweiz auch eine Option für Deutschland?

MERZENICH: Dort ist das zumindest wunderbar gelöst. Das Land und die Krankenkassen teilen sich je zur Hälfte die Kosten für die Geburtshilfe sowie die Vor- und Nachsorge durch Hebammen. Dort entwickeln die Kassen mit dem Hebammenverband Fallpauschalen. Hierzulande wird derzeit auf Betreiben der Krankenkassen darüber diskutiert, die Wahlmöglichkeiten der Frauen, wo sie ihre Kinder zur Welt bringen wollen, einzuschränken und die Kosten für Aufklärung und Beratung der Schwangeren durch Hebammen auf die Frauen abzuwälzen. Außerdem sollen wir nicht mehr ohne Zusatzqualifikationen Hausgeburten betreuen dürfen. Das alles wird in den kommenden Jahren zu einem enormen Hebammenschwund in Deutschland führen, mit schlimmen Konsequenzen für die Gesellschaft.

Welche sind das?

MERZENICH: Kein Arzt kann Frauen vor und nach der Entbindung so intensiv betreuen wie wir Hebammen. Durch den engen Kontakt erkennen wir schon während der Schwangerschaft psychische und soziale Probleme - und die erlebe ich oft in meiner täglichen Arbeit. Was wird, wenn wir nicht die Kontakte pflegen und die Frauen an ein Netzwerk anbinden? Wer übernimmt die Nachsorge nach der Geburt? Probleme beim Stillen, Brustentzündungen, oder durchschreiende Babys . . . Wenn es uns nicht mehr gibt, die man zu jeder Tageszeit anrufen kann, werden Kliniken, Ambulanzen und Arztpraxen überlaufen.

Sie haben in Göppingen die Initiative für einen Arbeitskreis ergriffen, ist das Problem überhaupt auf lokaler Ebene lösbar?

MERZENICH: Die Versicherungsthematik muss auf Bundesebene gelöst werden. Da braucht es neue Konzepte in der Gesundheitspolitik. Es ist doch eine Grundsatzfrage, ob man noch freie Hebammen haben will. Wenn ja, dann muss man ihnen auch Möglichkeiten bieten. Aber auch der Landkreis hat sicher Gelder aus entsprechenden Töpfen, mit denen die Arbeit der Hebammen gefördert werden kann. In Stuttgart beispielsweise, wird jede Geburt im Geburtshaus mit 100 Euro gefördert, allerdings ist das auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir machen schließlich keine andere Arbeit als die Kolleginnen in den Kliniken oder Einrichtungen wie das Haus der Familie. Sie werden alle durch Gelder der öffentlichen Hand gefördert. Wir Hebammen leisten auch einen Dienst an der Öffentlichkeit, was jedoch nicht honoriert wird. Ich bin jedoch freudig überrascht, dass der Arbeitskreis im Kreis Göppingen zustande gekommen ist.

Was erwarten Sie sich davon ?

Ich schöpfe zumindest Hoffnung, dass Interesse für unsere Situation geweckt wird und die Menschen begreifen, wie hart es für die Gesellschaft ohne Hebammen wird. Wobei ich nicht den Eindruck habe, dass den anwesenden Politikerinnen bewusst ist, wie prekär die Situation ist. Aber große Hoffnung, dass sich in kürzester Zeit etwas für uns entwickelt, habe ich nicht.

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Rechtslage: Im Sozialgesetzbuch V ist der Anspruch auf Hebammenhilfe und die Wahlfreiheit des Geburtsortes geregelt. Ärzte sind laut Hebammengesetz verpflichtet, dafür zu sorgen, dass bei Geburten eine Hebamme hinzugezogen wird. Somit müsse der Gesetzgeber dafür Sorge tragen, dass dieses Recht erfüllt wird, ist der Standpunkt des Hebammenverbandes.

Konflikt: Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) will außerklinische Geburten nur noch unter eingeschränkten Bedingungen bezahlen. Ist zum Beispiel der errechnete Geburtstermin überschritten, sollen werdende Mütter in die Klinik. Dies schränke die Freiheit auf Wahl des Geburtsortes ein, moniert der Hebammenverband. Beratungsgespräche zur Wahl des Geburtsorts sollen den Hebammen nicht mehr ausreichend bezahlt werden.

Demografie: Von im Verband gemeldeten Hebammen im Landkreis Göppingen arbeiten 15 freiberuflich, acht freiberuflich und in der Klinik, 18 ausschließlich in der Klinik. 15 Hebammen sind älter als 50 Jahre, 17 sind 41 bis 50 Jahre alt.

Zur Person 

Clarissa Merzenich ist seit elf Jahren Hebamme und praktiziert seit 2010 in Faurndau. Nach dem Abschluss ihres Masterstudiums im Bereich Hebammenkunde wird die 36-Jährige ihre Praxis schließen. Clarissa Merzenich ist Mutter einer 18 Jahre alten Tochter.