Göppingen Faszierende Wildbienen

Wildbienen sind sein Leib- und Magen-Thema: Experte Dr. Paul Westrich aus Tübingen
Wildbienen sind sein Leib- und Magen-Thema: Experte Dr. Paul Westrich aus Tübingen
NADJA KIENLE 12.03.2012
Die Honigbiene ist nur eine von 550 Bienenarten. In die Welt der Wildbienen, die vom Rückgang der Pflanzenarten bedroht ist, führte ein Lichtbildervortrag von Experte Paul Westrich in der Volkshochschule.

Wildbienen seien sein "Leib-und-Magen-Thema", erklärte Wildbienenforscher Dr. Paul Westrich aus Tübingen schmunzelnd, bevor er die Besucher in die faszinierende Welt der Wildbienen entführte. In seinem Vortrag, den die Nabu-Gruppe Göppingen zusammen mit der Volkshochschule organisiert hatte, verdeutlichte er die unglaubliche Vielfalt der heimischen Wildbienengattungen, zu denen die dunklen Trauerbienen, die Hummeln, die gelb-schwarzen Wespenbienen, die Sandbienen oder auch die Maskenbienen mit ihrer speziellen gelb oder elfenbeinfarbenen Gesichtszeichnung zählen. Auf der virtuellen Reise konnten die Besucher auch sehr seltene Exemplare der verschiedenen Gattungen bestaunen.

Unglaublich, aber wahr: Die sehr seltene Thymian-Steppenbiene ist lediglich vier Millimeter groß, und die vom Aussterben bedrohte Mohn-Mauerbiene kleidet das aus einer Zelle bestehende Nest mit kleinen Blütenblätterstücken des Klatsch-Mohns aus.

Der Bienenfachmann stellte die unterschiedlichen Lebensweisen der sozial, kommunal und solitär lebenden Bienen anschaulich dar. Besonders beeindruckend: der Nestbau der Wildbienen, die hinsichtlich Baumaterial und Nistplatz meist sehr spezialisiert vorgehen. Während die kleine Harzbiene an Gestein oder Baumstämmen längliche Brutzellen aus Harz von Nadelbäumen anlegt, verwendet die schwarzbauchige Blattschneiderbiene als Baumaterial ausschließlich Laubblätter, die sie mit ihren Mundwerkzeugen zurecht schneidet und damit Brutzellen in Totholz baut.

Ein richtiges Kuriosum in Sachen Nestbau stellen einige Mauerbienen-Arten dar, die nur in leeren Schneckenhäusern nisten. "Die zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene nistet in Gehäusen der Weinbergschnecke und der Garten-Schnirkelschnecke", berichtete Westrich. Unklar sei bislang, weshalb diese Art das Gehäuse dabei mit Pflanzenbrei beklebt.

Neben vielen weiteren faszinierenden Details wurde auch die Gefährdung der Wildbienen angesprochen, die nach Information von Westrich hauptsächlich auf der industriellen Landwirtschaft beruhe, die zur Zerstörung der Nistplätze, aber auch zum Rückgang vieler Pflanzenarten führe. "Viele heimische Wildbienen sind nicht nur auf eine ganz bestimmte Nistweise spezialisiert, sondern auch von speziellen Pflanzenarten abhängig", sagte der Spezialist. Während die Malven-Langhornbiene als Nahrungsquelle und zur Brutversorgung nur Nektar und Pollen von Malvengewächsen nutzt, sammelt die Ehrenpreis-Sandbiene nur an Ehrenpreis-Arten.

Wie sich dann in der regen Frage- und Diskussionsrunde zeigte, kann zum Schutz der Wildbienen auch einiges in Gärten und auf Balkonen getan werden: Ein vielfältiges Angebot aus geeigneten Bäumen, Sträuchern, Blumen, Nutz- und Pionierpflanzen - wie Weiden, Schlehen, Wildrosen, Brombeeren, Glockenblumen, Wiesen-Salbei, Fetthenne, Natternkopf, Klatsch-Mohn oder auch die gewöhnliche Kratzdistel - würde einen guten Beitrag zum Wildbienenschutz leisten. "Nicht geeignet sind dagegen viele der derzeit mancherorts angebotenen Sommerblumenmischungen, die zu 90 Prozent Pflanzen aus anderen Erdteilen enthalten und für die heimischen Wildbienen daher nahezu wertlos sind", erklärte Westrich.

Auch zu Nisthilfen erhielten die Besucher Tipps. Geeignet seien waagrecht liegende Bambusröhrchen, Strangfalzziegel, Schilfhalme, festes Totholz oder aber auch Holzblöcke mit Bohrlöchern. Allerdings sollten die Löcher quer zu den Jahresringen gebohrt werden, die Bohrungen müssten glatt sein (Verletzungsfahr für Bienen), Glasröhrchen sind nicht geeignet. Ab dem zeitigen Frühjahr können jeden Monat bis zum Herbst andere Arten von Wildbienen angetroffen werden.

Und was die Bienenstiche betrifft: "Bis auf die Honigbiene, die Erd- und die Baumhummel zeigen die heimischen Bienenarten keinerlei Verteidigungsverhalten bei Störungen im Nestbereich", so Westrich. Sein anschauliches Beispiel: In einem Kindergarten-Sandkasten bei Mössingen nistet seit fünf Jahren die Efeu-Seidenbiene. Bislang sei noch kein Kind gestochen worden.