Amstetten Farce mit tragischem Hintergrund

"Herrenmenschen" ad absurdum geführt: Gestapo-Männer mit ihren langen Ledermänteln - und nur Unterhosen drunter. Foto: Stefan Hinkelmann
"Herrenmenschen" ad absurdum geführt: Gestapo-Männer mit ihren langen Ledermänteln - und nur Unterhosen drunter. Foto: Stefan Hinkelmann
Amstetten / STEFANIE SCHMIDT 26.11.2012
Das Theater Arche weihte seine neue Spielstätte in Amstetten mit einer Welturaufführung ein: Mit "Mazeltov" von Daniel Pascal gelang eine Gratwanderung zwischen schwarzem Humor und Tragik.

Kein einfaches Stück hat sich das Theater "Arche" für seine Premiere in der neuen Spielstätte ausgesucht: "Mazeltov oder Glück gehabt" von Daniel Pascal begleitet den jüdischen Bühnenlibrettisten Alfred Grünwald (Holger Raymund) in seinen letzten Momenten der Freiheit. Nach dem Anschluss Österreichs ans Großdeutsche Reich soll der erfolgreiche Autor von der Gestapo aus seiner Wiener Wohnung abgeholt werden, seine Haushälterin (Barbara Fink) drängt ihn zur Flucht. Doch Grünwald verliert sich stattdessen in einen kuriosen Traum, der ihm kurze Zeit Aufschub vor der Realität gewährt.

Den Bruch mit der Realität läutet der brüllende Auftritt von Obersturmbannführer Heckenstahl (Uli Fetzer) in Grünwalds Wohnung ein. Dieser entpuppt sich bald als der verkleidete Regisseur Hubert Marischka, der mit Grünwald darüber sinniert, wie sehr Hitlers Selbstinszenierungen einer grotesk verzerrten Operette gleichkommen.

Dann schneit die Soubrette Lili Rainer (Ann-Christin Laatsch) in Grünwalds Wohnung herein - im Schlepptau einen großen Überseekoffer und die Gestapo-Männer Fritz und Rudi. Von nun an ziehen Autor Daniel Pascal und Regisseurin Andrea Friedrich alle Register der klassischen Farce - Verwechslungen, Verkleidungen, Wortwitz und schnelles Tempo inklusive: Im Koffer versteckt sich der ungarische "Bilderbuchjude" Ariel Deutsch (Michael Scheel), der nach einer schnellen Rasur und mit neuem Haarschnitt von den Gestapo-Männern für Reichsminister Joseph Goebbels gehalten wird. Die ebenfalls anwesende Theaterdiva Rita Morgan (Sabine Banzhaf) wird kurzerhand in die Rolle seiner Frau Magda gedrängt.

Absurdität und Unsinn der Handlung entlarven Nazi-Ideologie und -Propaganda letztendlich als abstruse Theaterinszenierung, in der die Rollen von "Herren-" und "Untermensch" willkürlich verteilt sind. Die vermeintlichen Autoritätsfiguren, die Gestapo-Männer Fritz (Tobias Fritz) und Rudi (Andreas Multhauf), sind unter ihren langen Ledermänteln nur mit Hemd, Krawatte und Unterhose bekleidet und suchen über die gesamte Dauer des Stückes vergeblich den intellektuellen Anschluss an die Handlung. Sie sind gescheiterte Künstler, die für ihre eignenen Misserfolge eine jüdische Verschwörung verantwortlich machen.

Für Ariel Deutsch (Grünwalds Traum-Alter-Ego) gibt es ein Happy End. Nicht jedoch für Grünwald selbst. Am Ende des Stückes ist der Traum für ihn aus: Die echte Gestapo steht vor der Tür.

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