Göppingen Familienzwist kein Fall fürs Amtsgericht

DIRK HÜLSER 18.04.2012
Aussage gegen Aussage: Das Göppinger Amtsgericht konnte nicht klären, ob ein 32-Jähriger seine Frau, Kinder und Schwiegermutter eingesperrt hatte.

Der Tatvorwurf wog schwer, ein 32-Jähriger stand wegen Freiheitsberaubung vor dem Amtsgericht Göppingen. Laut Anklage soll der Mann seine Frau und die beiden gemeinsamen Töchter sowie seine Schwiegermutter nach einem Streit über Nacht im Schlafzimmer eingeschlossen haben. Doch es stand Aussage gegen Aussage: Der Libanese erzählte eine vollständig andere Geschichte als die als Zeugen geladene Frau und Schwiegermutter. Da Amtsrichterin Stefanie Werlé den noch sehr kleinen Töchtern eine Zeugenaussage ersparen wollte, stellte sie das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und des Angeklagten ein. Zudem befand sie: "Was bei Ihnen in der Familie alles schiefläuft und im Argen liegt, können wir hier heute nicht klären."

In der Tat zeigte sich im Laufe der Verhandlung, dass das Familienleben des Libanesen und der Halb-Italienerin komplett zerrüttet ist. Während er immer wieder beteuerte, er liebe Frau und Kinder über alles und habe auch noch niemanden geschlagen, berichtete die Frau von einem jahrelangen Martyrium, Schläge und ständige Kontrolle seien in der Ehe an der Tagesordnung gewesen. Zwischenzeitlich flüchtete die Frau mit den Töchtern ins Frauenhaus.

Der Vorfall soll sich im November 2011 in einer neu bezogenen Wohnung in einem Göppinger Stadtteil zugetragen haben. Nach Aussagen der Frau und ihrer italienischen Mutter habe sich der Streit daran entsponnen, dass der Angeklagte einen Wohnungsschlüssel wollte, den ihm seine Frau aber nicht gab. "Es gab immer Probleme, ich sagte ihm, er soll sich eine eigene Wohnung nehmen", berichtete sie vor Gericht. Sie sei dann geschlagen worden, ebenso ihre Mutter. "Er hat sie auch beleidigt und wollte sie rausschmeißen." Schließlich habe der Mann die beiden Frauen mit den Töchtern gegen 21 Uhr in ein fensterloses Schlafzimmer gesperrt, erst am nächsten Morgen um 8 Uhr habe er sie wieder herausgelassen.

Ganz anders die Version des Angeklagten: Er habe überhaupt nicht geschlagen, vielmehr sei der spielsüchtige Bruder seiner Frau zum wiederholten Mal aufgetaucht, weil er Geld brauchte. Dieser habe die beiden Frauen geschlagen. "Die ganze Familie ist gegen mich", so charakterisierte der 32-Jährige die Verwandtschaft seiner Frau. So behaupte die Schwiegermutter immer, dass er seine Kinder in den Libanon entführen wolle, was aber gar nicht stimme. Und in der besagten Nacht habe er auf dem Sofa übernachtet und seine Familie auch nicht eingesperrt. Die Schwiegermutter sei es gewesen, die ihn morgens im Schlaf gewürgt habe.

Zentrales Thema der Zeugenbefragungen war ein Handy, nämlich das der Italienerin. Warum haben die Frauen damit nicht die Polizei gerufen? Eine Freundin sagte aus, sie habe nachts zwei Mal mit der Schwiegermutter telefoniert, doch diese habe nicht gewollt, dass sie die Polizei ruft. Erst morgens, als sie erneut anrief und Hilfeschreie hörte, habe sie dann von sich aus die Beamten verständigt. Richterin Werle wollte die Geschichte jedenfalls nicht so recht glauben: "Es bestehen letzte Zweifel am Tatbestand - auch unter der Prämisse, dass das Handy im Raum war."