Sechzig Jahre Familie hat Zukunft

Den Festvortrag zum 60. Geburtstag des Hauses der Familie  hielt Zukunftsforscher Horst Opaschowski.
Den Festvortrag zum 60. Geburtstag des Hauses der Familie hielt Zukunftsforscher Horst Opaschowski. © Foto: Carlucci
Sechzig Jahre / Von Peter Buyer 02.07.2018
Die Villa Butz ist 60 Jahre alt. Das schönste Geschenk macht sich das Haus der Familie selbst: Ein Vortrag von Zukunftsforscher Horst Opaschowski.

60 Jahre. Das ist natürlich noch kein Alter, aber ein Grund zum Feiern: Die Villa Butz, das Haus der Familie in Göppingen, hat Geburtstag. Am Freitag gab es reichlich Glückwünsche, Grußworte und einen Blumenstrauß. Nicht für die Villa, sondern für Barbara Hofgärtner. Die neue Leiterin des Hauses in der Mörikestraße wurde von Ilse Birzele, der Vorsitzenden des Trägervereins, mit guten Wünschen und bunten Blumen offiziell „inthronisiert“. Im Amt ist die 40-jährige Pädagogin schon etwas länger, seit Anfang des Jahres kommissarisch und seit Mai als offizielle Leiterin, aber eben noch ohne Blumen.

Zu feiern gab es also genug. Und die schönsten Geschenke macht man sich am besten selbst: Professor Dr. Horst Opaschowski war zum Vortrag in die Stadthalle geladen. Der vielleicht bekannteste deutsche Zukunftsforscher ließ sich nicht lange bitten, einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Zukunft der Familie. „Vision 2018: Familie weiter denken!“ ist der Titel seines Vortrags, und: 60 Jahre sind wirklich noch kein Alter. „Aus Umfragen wissen wir, dass ‚das Alter‘ für die meisten erst mit 76 Jahren anfängt“, sagt Opaschowski. Zum alten Eisen gehört man dann aber noch lange nicht, er sagt das nicht nur, weil er selbst 77 ist. Die Lebenserwartung steige und damit dauere die Zukunft immer länger. Opaschowski untermauert seine Thesen mit Zahlen aus Umfragen. Nicht nur jeder zweite Jugendliche blicke optimistisch in die Zukunft, auch die Älteren: sie leben länger, haben weniger Verpflichtungen, der Professor nennt das „Freiheit pur“.

Was im Alter oder besser beim Älterwerden zählt, seien die drei Gs: Geld, Gesundheit, Geborgenheit. Geld haben die Meisten, nur fünf Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland sind arm, sagt der Experte. Die Gesundheit hält auch immer besser, also gilt es, an der Geborgenheit zu arbeiten. Familie, Freunde, persönlicher Zusammenhalt, all das mache Geborgenheit aus, und wer sich geborgen fühlt, der fühlt sich auch sicher, Opaschowski: „Die Sorge vor sozialem Unfrieden ist stärker als die Terrorangst.“ In unsicheren Zeiten nehme der Erfahrung nach die Häuslichkeit zu und damit auch das Gewicht der Familie. „Die Familie entwickelt sich zur wichtigsten Lebensversicherung der Zukunft.“ Sie gebe das Gefühl, noch gebraucht zu werden, nicht allein da zu stehen und wirke gegen Langeweile. Die kommt dann kaum auf, wenn es zu einem neuen Generationenvertag komme, alle Generationen könnten voneinander lernen, die Kleinen von den Großen und umgekehrt.

Der Forscher sagt der Familie eine große Zukunft voraus. Und er hat dabei nicht nur die klassische Familie, erweitert um die Großeltern, im Blick. Wahlverwandtschaften, also Freunde, die wie Familienmitglieder behandelt und betrachtet werden, nähmen zu, auch die genossenschaftliche Idee komme wieder.

2038 werden mehr als drei Viertel aller 90-Jährigen in der eigenen Wohnung leben. Das funktioniere nur, weil sich die Nachbarn wieder mehr helfen und gegenseitig unterstützen. Und das führe auch wieder zu mehr Sicherheit. „Je mehr Nachbarn sich mit dem Vornamen kennen, desto sicherer ist die Wohngegend, auch heute schon.“ Das klassische Altersheim sieht Opaschowski als Auslaufmodell und erzählt von acht Senioren aus seiner Heimatstadt Hamburg. Die haben sich im Altersheim kennengelernt, gemeinsam eine alte Villa gemietet und sind aus dem Seniorenheim ausgezogen.

Und noch mehr spreche für die Familie: Die Geburtenrate steige, die Zeit der Individualisierung habe den Zenit überschritten, glaubt Opaschowski. Die Ehen werden beständiger, die Zahl der Scheidungen sinkt seit einigen Jahren. „Ehen werden so lange dauern wie noch nie“, Opaschowski spricht hier auch aus eigener Erfahrung: „Ich bin seit über 50 Jahren mit meiner Traumfrau verheiratet, die ich in einer Jugendherberge kennen gelernt habe.“

Erst Mütterschule, dann Familienbildungsstätte

1958 war es soweit: die „Mütterschule e. V.“ wurde gegründet. In der ehemaligen Boehringer-Villa in der Olgastraße ging es los, Mädchen und junge Frauen lernten Hauswirtschaft und bekamen Unterstützung für ihre Aufgaben als Mutter. 1989 zog die Schule in die von der Stadt frisch renovierte Villa Butz in der Mörikestraße. Längst ist aus der Mütterschule eine Familien-Bildungsstätte geworden, die Weiterbildung für Göppinger in fast allen Lebenslagen anbietet. Barbara Hofgärtner und ihre sieben Mitarbeiterinnen stemmen weit über 1000 Veranstaltungen im Jahr, jetzt und in Zukunft.

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