Historie Exkursion zu Russenfriedhof und Keltengrab

Dr. Reinhard Rademacher führte die Teilnehmer der stadtgeschichtlichen Erkundung zu den Resten keltischer Grabhügel.
Dr. Reinhard Rademacher führte die Teilnehmer der stadtgeschichtlichen Erkundung zu den Resten keltischer Grabhügel. © Foto: Margit Haas
Göppingen / Margit Haas 10.08.2018

Wie viele Russen ihre letzte Ruhestätte im Göppinger Oberholz gefunden haben, lässt sich nicht genau feststellen. „Sicher über tausend“, stellte Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß am Mittwoch im Wald nördlich von Göppingen fest.

Der erste der „Stadtgeschichtlichen Spaziergänge“ von Stadtarchiv und Geschichts- und Altertumsverein, die sich in diesem Jahr Begräbnisorten und dem Totengedenken widmen, führte zu einer Stahlskulptur des Uhinger Künstlers Jörg Zimmermann. Finanziert vom Lions-Club erinnert sie an die namenlosen russischen Kriegsgefangenen, die Napoleon nach siegreichen Schlachten durch das Filstal nach Frankreich verschleppen ließ.

Während Napoleon im Triumphzug gen Heimat zog und in Süßen mit einem Triumphbogen und in Göppingen von Kronprinz Wilhelm empfangen wurde, ist das Leiden der Russen nur zu erahnen. Geschwächt vom Gewaltmarsch erkrankten viele von ihnen am Typhus und starben. „Die Göppinger hatten große Angst vor Ansteckung“, so Rueß, und so wurden die Toten nicht auf dem Friedhof an der Oberhofenkirche, sondern weit außerhalb der Stadt bestattet. Der damalige Oberamtsarzt Dr. Friedrich Hartmann hatte sich der Gefangenen angenommen und sich in der Folge der Seuche sich für den Bau eines Krankenhauses eingesetzt. Tatsächlich wurde es im Bereich der Geislinger Straße 1829 eröffnet – mit vier beheizbaren Krankenzimmern mit je zwei Betten.

Im Oberholz findet sich ein weiterer, viel älterer Begräbnis­ort. Zum Teil gut sichtbar, zum Teil nicht mehr zu erkennen, haben sich über 30 keltische Grabhügel erhalten. Für Dr. Reinhard Rademacher sind sie an einer ganz typischen Stelle angelegt worden – „auf einer Kuppe“. Aus anderen Grabungen ist bekannt, dass die Gräberfelder in der Nähe der Siedlung entstanden. Wo die lag, ist bislang archäologisch nicht erforscht. Wie auch die Hügel selbst wissenschaftlich nicht ausgewertet sind. „Dafür fehlen das Geld und das Personal.“ Geöffnet wurden sie indes in der Vergangenheit mehrfach. Leider nicht von Fachleuten, sondern von Grabräubern. Sie trieben im 19. Jahrhundert schwunghaften Handel mit den wertvollen Funden, die sich so in Museen in ganz Europa wiederfinden. Es sind Gräber der älteren Keltenzeit, also der Zeit 800 bis etwa 450 vor Christus. Um eine Hauptkammer herum wurden nach und nach weitere Familienangehörige bestattet – „der Oberschicht“, so der Kreisarchäologe.

Die Grabhügel erreichten erstaunliche Ausmaße. Der größte, der allerdings von Laien gar nicht mehr wahrgenommen werden kann, hatte einen Durchmesser von 34 Metern. „Das ist ungewöhnlich. In Baden-Württemberg gibt es wenige Grabhügel mit diesen Ausmaßen. An anderen Fundorten wie Hochdorf oder der Heuneburg bezeichnen wir Grabhügel dieser Größe als Fürstengräber.“ Der hier Bestattete war also weit mehr als ein Regionalherr und hatte seinen Sitz vielleicht auf dem Hohenstaufen. Entsprechende Funde verweisen dort auf eine keltische Siedlung. Eine – ebenfalls illegale – Grabung vom Anfang des 20. Jahrhunderts brachte zudem Klingen aus Feuerstein zutage. „An dieser Stelle haben sich also vermutlich schon zur Jungsteinzeit Menschen aufgehalten“, spekuliert Dr. Rademacher.

Die Teilnehmenden der stadtgeschichtlichen Erkundung zeigten sich beeindruckt. „Schon oft vorbeigelaufen und nie etwas gesehen“, stellte eine ältere Göppingerin überrascht fest.

Die weiteren Spaziergänge

Termine Die weiteren Spaziergänge widmen sich folgenden Geschichtsorten und -themen:

15. August: Alter Friedhof bei der Oberhofenkirche, Führung: Margit Haas, Göppingen, Treffpunkt: Hauptportal der Oberhofenkirche

22. August: Jüdischer Friedhof Jebenhausen, Führung: Arnold Kuppler, Gammelshausen, Männer bitte Kopfbedeckung tragen, Treffpunkt: Eingang Friedhof am Kreuzhaldenweg

29. August: Erinnerung an Gefallene und Opfer von Krieg und Gewalt in der Stadt – von Stadtkirche zu Mörikeanlagen, Führung: Dr. Karl-Heinz Rueß, Treffpunkt: Stadtkirche, Schulergärtle.

Beginn ist jeweils um 18 Uhr. Anmeldung: Tel. (07161) 650-9911.

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