Es war die letzte von vielen Jubiläumsveranstaltungen zum 40. Geburtstag des Evangelischen Kreisbildungswerks Göppingen und Geislingen im gut besuchten Pavillon der Göppinger Stadtkirche.

In der Reihe „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ ging es um die Rolle der Evangelischen Württembergischen Landeskirche in der NS-Zeit und um den damaligen Landesbischof Theophil Wurm, die ein profunder Kenner der Neueren Kirchengeschichte, Professor Dr. Jürgen Kampmann, Lehrstuhlinhaber an der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Tübingen, beleuchtete.

Als Resultat des wissenschaftlichen Vortrags, an den sich eine lebhafte Diskussion mit den Zuhörern anschloss, kann man formulieren, dass es viele Einzelfacetten innerhalb der Landeskirche gegeben hat, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen, und dass diese bei der Fülle der Quellen im Landeskirchenarchiv nur eine partielle Sichtweise erlauben. Nicht alle Quellen seien von der Forschung bislang gesichtet und ausgewertet worden und vom damaligen Landesbischof gebe es keine wissenschaftlich-verlässliche Biographie, sagte Jürgen Kampmann. Außerdem sei die Zeit nach 1945 kaum erforscht, wo man auch in die Quellen der Ortskirchen hineingehen müsse.

Nach der Beschreibung des Forschungsgegenstandes mitsamt der methodischen Problematik – die NS-Zeit sei keine einheitliche Zeit gewesen – teilte Kampmann die Zeit zwischen 1933 und 1945 mit ihren 4882 Tagen in sieben Phasen ein. Kampmann beschrieb sie detailliert, angefangen von der Stellung der Kirche de jure wie in der Weimarer Verfassung über den kirchenpolitischen Konflikt mit dem Versuch, die 28 Landeskirchen zu zentralisieren und gleichzuschalten, zur darauffolgenden Reaktion der Bekennenden Kirche, dann ab 1937 die staatlichen repressiven Eingriffe über eine Art Burgfrieden während des Krieges bis zur kirchlichen Distanzierung vom Nationalsozialismus ab 1942 nach Stalingrad.

Antisemitismus tief verwurzelt

Kampmann differenzierte in seinem Referat zwischen der Institution Kirche im Reich und in Württemberg und zwischen Wurm (1886-1953), dem ersten Ratsvorsitzenden der EKD, dessen Lebenslauf er skizzierte. Er klopfte die Themenstellung „Angepasst? Widerständig? Intakt?“ auf ihre Eignung ab und sagte, Wurms Verhalten könne man nach heutigen Vorstellungen nicht als widerständig bezeichnen und die Vokabel „intakt“ sei theologisch gesehen nicht angemessen.

Holocaust nicht erwähnt

In der Diskussion wurde auch über das Manko der Stuttgarter Schulderklärung von 1945 gesprochen, die sowohl die Euthanasie als auch den Holocaust nicht erwähnt habe. Antisemitismus und Antijudaismus, die bei Wurm und Theologen der damaligen Zeit viel tiefer verwurzelt gewesen seien, als man das heute denke, und die Zurückhaltung Wurms, sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus zu positionieren, waren weitere Diskussionsthemen.