Essen verbindet Kulturen

KARIN TUTAS 10.09.2016
Peruanisches „Civiche“ trifft auf schwäbischen Kartoffelsalat – beim Multikulti-Kochprojekt „Esskultur“ des Hauses der Familie geht interkulturelle Kompetenz durch den Magen. Das Projekt wird vom Bundes-Innenministerium gefördert.

Mohammads großer Moment ist gekommen: Konzentriert lupft der 26-Jährige aus Syrien die Pfanne. Die ist ziemlich groß und schwer. Hinter der Stirn des arbeitet es. Wie lässt sich der Crêpe unfallfrei wenden? Mohammad versucht die sichere Variante, lässt den Pfannkuchen auf einen Teller gleiten und bugsiert ihn mit Hilfe eines Wenders wieder in die Pfanne zurück. „Kennt Ihr in Syrien auch Pfannkuchen?“, will Karin wissen, die aufmerksam jeden Handgriff des jungen Mannes verfolgt. „Ja, aber wir machen sie süß und sie sind kleiner“, meint Mohammad, „und sie lassen sich besser wenden“, fügt er grinsend hinzu. Nämlich mit Schwung durch die Luft. Davon lässt der 26-Jährige aber lieber die Finger. Denn er will die Vorspeise des Vier-Gänge-Menüs, das er gemeinsam mit mindestens 15 weiteren Hobbyköchen im Haus der Familie zaubern soll, nicht gefährden.

In der Bildungsstätte hat ein neuer Kurs des Projekts Esskultur begonnen. Ein Projekt, „das Kulturen verbinden soll“, erklärt die Leiterin des Hauses der Familie, Sabine Meigel. Es wurde bereits im vergangenen Jahr gestartet. Seit Juli 2015 gucken Menschen verschiedener Nationen nicht nur in fremde Kochtöpfe, sondern praktizieren einmal im Monat kunterbunte Crossover-Küche.

Die Idee, „Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund zusammenzubringen“ –  wie die Projektleiterin Barbara Hofgärtner, erklärt – hat auch beim Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge Gefallen gefunden. Der Bund steuert zu dem auf drei Jahre angelegten Projekt rund 8000 Euro bei. Die Stadt Göppingen fördere zudem das Kochbuch, das am Ende der drei Jahre entstehen soll.

Birgit Kölbl, die pädagogische Leiterin der Kochtreffs, hat schon jede Menge Rezepte aus aller Herren Länder in Ordnern gesammelt – aus Peru, Ungarn, dem Irak, Gambia, Syrien und Deutschland kommen die Teilnehmer des jetzt gestarteten Kurses. An eine Weltkarte hat Kölbl Fähnchen mit den jeweiligen Herkunftsländern gesteckt. Ursprünglich sei das Angebot für Deutsche und bereits länger in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund gedacht gewesen. Aber aufgrund der aktuellen Situation seien auch Flüchtlinge dazu gekommen.

Es geht eng her in der Küche im Haus der Familie. „Dieses Mal sind wir fast 20 und platzen aus allen Nähten“, sagt Birgit Kölbl lächelnd. Küchenchef Salvatore Bono steht vor einer besonderen Herausforderung, denn zu allem Überfluss ist auch noch der Elektroherd ausgefallen und er muss mit seinen Sous-Köchen das viergängige Menü auf zwei Gasherden zaubern. Der aus Sizilien stammende Vollprofi scheint überall gleichzeitig zu sein, kämpft mit dem Teig für die Kürbisknöpfle, demonstriert das Einrollen der Lachsroulade und hat ein wachsames Auge auf Ibrahim und Rebecca, die die Zutaten für die Schokomousse im Wasserbad aufschlagen.

Salvatore Bono ist begeistert vom Konzept des Projekts. Wie einige andere Helfer, die sich zum Teil in der Flüchtlingshilfe engagieren, ist Bono ehrenamtlich dabei. Er besorgt die Zutaten für die Speisen und trifft die Vorbereitungen für das gemeinsame Kochen. „Das ist toll und interessant, mit den Leuten aus den ganzen Ländern zu kochen“, sagt Bono während er die Kürbissuppe abschmeckt. Spannend findet er vor allem die unterschiedlichen Zutaten, die in den verschiedenen Kulturen verwendet werden.

Da kann selbst der Profi, – er ist Küchenchef im Restaurant Lamm in Ostfildern – noch etwas lernen. Bono grinst verschmitzt. Zum Beispiel schwimmt im Soßenfond, der auf kleiner Flamme vor sich hin köchelt, eine schwarze, getrocknete Zitrone. Die werde in der ägyptischen Küche verwendet und verleihe den Gerichten eine ganz besondere Geschmacksnote, erklärt Birgit Kölbl. Ein Beitrag von Mohamed aus Syrien. Der 23-Jährige ist Koch und möchte in Deutschland in seinem Beruf arbeiten, „aber ich muss noch besser Deutsch lernen, eine schwierige Sprache“, findet Mohamed.

Deutsch lernen und andere Religionen, Kulturen und Traditionen kennenlernen, funktioniert beim Kochen ganz nebenbei. „Beim Kochen begegnen sich die Teilnehmer auf Augenhöhe“, sagt Sabine Meigel, beim gemeinsamen Schnippeln, Brutzeln und Erzählen erwachse sehr viel Verständnis und interkulturelle Kompetenz.

An manchen Abenden steht ein bestimmtes Land im Mittelpunkt und die Teilnehmer bringen ihre jeweiligen Rezepte mit, die dann auch mal nach Lust und Laune mit Zutaten aus anderen Regionen abgewandelt werden. Oder es wird crossover gekocht und gebrutzelt. Dann gibt es auch schon mal ein Menü, in dem Civiche, marinierter Fisch aus Peru, auf schwäbischen Kartoffelsalat trifft. „Hier ist alles multikulti“, meint Birgit Kölbl lachend.

In der Küche wird es immer wärmer, der Lärmpegel steigt. Es wird geschwatzt und gelacht. Stürmischer Beifall brandet auf: Mohammad hat doch noch die kühne Pfannkuchenwende per Luftwurf gewagt – mit Erfolg. Es ist Zeit für den ersten Gang. Salvatore Bono schiebt noch schnell das Roastbeef in den Ofen, während die Irakerin Ghaddi mit hochroten Wangen und strahlenden Augen Kürbissuppe in die Teller schöpft. Rebecca aus Ungarn streut liebevoll Herzen aus Schnittlauch auf die Suppe, die mit gebratenen Garnelen abgerundet wird.

Zum gemeinsamen Essen wird der Tisch schön gedeckt. „Das gehört zur deutschen Esskultur und alle freuen sich alle drauf“, sagt Sabine Meigel. „Guten Appetit“ wünscht Birgit Kölbl und wie heißt das auf arabisch? „Sakha“, meint einer der vier namens Mohammad in der Runde. Und wie sagt man in Gambia? will Kölbl wissen. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Guten Appetit“, sagt die junge Sainabou. Lautes Gelächter, da bleibt am Tisch kein Auge trocken.

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