Ein großes Kirchengebäude mit Turm, ein geräumiger Gemeindesaal mit Nebenräumen, ein Kindergarten und ein Pfarrhaus. Die Immobilien, die die evangelische Kirche im Stadtteil Bodenfeld besitzt, sind stattlich. Gebaut wurden sie in den Jahren 1954 bis 1956, als im Bodenfeld 4000 evangelische Christen lebten. Heute sind noch 760 Protestanten übrig. An einem durchschnittlichen Sonntag sitzen etwa 25 meist ältere Gottesdienstbesucher in den Kirchenbänken. "Die Kirche ist viel zu groß", sagt Dekan Rolf Ulmer. "Die Gemeinde kann die Räume nicht mehr füllen".

Deshalb hat die Kirchenleitung nun die Reißleine gezogen. Als erste Kirche im Kirchenbezirk wird das Gotteshaus samt Nebenräumen und Kindergarten einen neuen Eigentümer bekommen: Die syrisch-orthodoxe Kirchengemeinde St. Jakob wird das 1820 Quadratmeter große Gelände und die 1270 Quadratmeter große Immobilie übernehmen. Der Kaufvertrag soll noch in diesem Jahr unterzeichnet werden, sagt Dekan Rolf Ulmer.

Die evangelische Kirchengemeinde im Bodenfeld werde aber nicht etwa aufgelöst, stellt der Dekan klar. Die evangelische Kirche plant eine neue, kleinere Bleibe. Dieser Kirchsaal könnte in zwei bis drei Jahren im neuen Quartier auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Berner entstehen. Bis dahin bleiben die evangelischen Christen Gast in ihrem ehemaligen Gotteshaus. Pfarrer Ekkehard Käss kann weiter im Pfarrhaus wohnen, denn es wird nicht mitverkauft. Auch der evangelische Kindergarten bleibt an seinem angestammten Platz, bestätigt der Dekan: Die evangelische Kirche mietet die Räume künftig an und betreibt die Einrichtung weiter.

Für die syrisch-orthodoxe Gemeinde St. Jakob geht mit dem Kauf ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Nicht ganz 1000 Mitglieder betreut Pfarrer Melki Teber. Mit durchschnittlich 250 Menschen pro Sonntag ist der Gottesdienstbesuch zehn mal so groß wie in der Martin-Luther-Gemeinde. Der Landkreis Göppingen ist eine Hochburg der syrisch-orthodoxen Kirche (siehe Infokasten). Es gibt seit 1989 drei Kirchengemeinden, eine vierte ist in Gründung. Bisher hielten die Syrisch-Orthodoxen ihre Gottesdienste in katholischen und evangelischen Kirchen ab. "Dafür werden wir immer dankbar sein", sagte Elias Cello, Sprecher der Gemeinde St. Jakob: "Wir werden die Bindung aufrecht erhalten, sind aber sehr froh, dass wir ein eigenes Gotteshaus haben". Vor allem angesichts der Lage, dass syrisch-orthodoxe Christen in der ursprünglichen Herkunftsgegend bombardiert, verfolgt und ermordet würden.

Pfarrer Teber und die Mitglieder des syrisch-orthodoxen Kirchengemeinderats wünschen sich, dass das gute Verhältnis mit den evangelischen Christen in der Kirche weiter geht. "Wir haben all die Jahre wie eine Familie gelebt", so Melki Teber. Die Kirche werde nach dem Besitzübergang geweiht und etwas orthodoxer gestaltet werden. Es werden einige Bilder und ein Vorhang zum Altarraum hinzukommen. Die Gottesdienste der Syrisch-Orthodoxen werden in aramäischer Sprache, die Predigten auch auf Arabisch gehalten, erklärt Elias Cello.

Auch für die evangelische Kirche ist es ein Glücksfall, dass eine christliche Gemeinde in das Gotteshaus einzieht, findet Dekan Ulmer. Es wäre "eine Katastrophe" gewesen, wenn nur ein Käufer gefunden worden wäre, der die Kirche abgerissen hätte. Auch wenn eine Firma eingezogen wäre, hätte ihm das Herz geblutet. Deshalb sei er glücklich, dass eine Gemeinde, die auch Mitglied im Arbeitskreis Christlicher Kirchen ist und mit denen der Kirchenbezirk schon lange vertrauensvoll zusammenarbeitet, das Haus mit Leben füllt und mit den Protestanten gemeinsam nutzt.

Über den Kaufpreis der vor 20 Jahren modernisierten Immobilie schweigen sich beide Seiten aus. Nur so viel: Die evangelische Kirche habe zwei Drittel dessen erreichen können, was ein Gutachter als Zeitwert des Ensembles ermittelt hatte.

Die Martin-Luther-Kirche werde vielleicht nicht die letzte im Kirchenbezirk sein, die verkauft wird, sagt der Dekan. Die ehemalige evangelische Kirche St. Otmar in Bartenbach, die seit vielen Jahren von der armenischen Kirche genutzt wird, "könnte Nummer zwei sein", so Ulmer. Entschieden sei aber nichts.

Viele syrisch-orthodoxe Christen im Kreis Göppingen

Zentrum Von 12.000 bis 15.000 syrisch-orthodoxen Christen in Baden-Württemberg lebt grob ein Fünftel im Kreis Göppingen. Drei von 13 Gemeinden sind hier angesiedelt: Neben St. Jakob mit knapp 1000 Mitgliedern sind es die noch etwas größere Gemeinde St. Afrem und die etwa 150 Mitglieder starke Gemeinde St. Markus, die bereits in der Martin-Luther-Kirche Räume gemietet hatte. Sie stammen meist aus der Südost-Türkei, aber auch aus Syrien und dem Irak.