Kultur Erinnerung an Bücherverbrennung: Das Werk lebt

Meisterhaft trug Ilona Abel-Utz (am Pult) Texte von Kurt Tucholsky, Mascha Kaleko und Walter Mehring vor. Auch als Sängerin überzeugte sie am Jahrestag der Bücherverbrennung.
Meisterhaft trug Ilona Abel-Utz (am Pult) Texte von Kurt Tucholsky, Mascha Kaleko und Walter Mehring vor. Auch als Sängerin überzeugte sie am Jahrestag der Bücherverbrennung. © Foto: Arnd Woletz
Göppingen / Von Annerose Fischer-Bucher 12.05.2018

Leicht verdaulich war die Lesung in der gut besuchten Göppinger Stadtbibliothek mit Lyrik und Prosa von Autoren der Bücherverbrennung der Nazis vor 85 Jahren trotz bissiger Ironie gewiss nicht. Obwohl die beiden Musiker Thomas Reil (Klarinette) und Siggi Köster (Akkordeon) die Texte nicht kommentierten, sondern das Lebensgefühl der Zwanziger Jahre in Berlin musikalisch lebendig machten und dieses als emotionales Umfeld der „entarteten und verfolgten Künstler“ zeigten, konnte einem die Komik angesichts der schlimmen Zustände im Nazideutschland im Halse stecken bleiben.

Ilona Abel-Utz hatte Texte von Kurt Tucholsky, Mascha Kaleko und vor allem von Walter Mehring ausgewählt, die sie meisterhaft vortrug und auch als singende Diseuse interpretierte.

Kulturamtsleiter Wolfram Hosch beschrieb in seiner Begrüßung und Einführung den 10. Mai in Berlin auf dem Opernplatz mit acht riesigen Scheiterhaufen, auf dem 20 000 Bücher von etwa 100 Autoren, darunter etwa ein Drittel fremdsprachige, verbrannt wurden. „Es ist wirklich schlimm, dass sich niemand gerührt hat und ein ganzes deutsches Bildungsbürgertum eingeknickt ist“, sagte Hosch. Viele Künstler hätten nach ihrer Emigration und nach dem Krieg nicht mehr anknüpfen können. Man könne aber zwar die Bücher verbrennen, aber nicht das Werk von Autoren wie das eines Heinrich Heine oder eines Bert Brecht.

Ilona Abel-Utz stieg ein, indem sie die Biografie von Walter Mehring und die Zeitumstände wiederaufleben ließ und damit in Zusammenhang mit den ausgewählten Texten brachte. Sein Weggefährte Tucholsky habe Mehring „unser aller Meister“ genannt, der einer der bedeutendsten Autoren der Weimarer Republik gewesen sei. Mit seinem expressionistischen Stil sei der Mitbegründer der Dada-Bewegung in Berlin und Verfasser satirischer Kabarett-Lyrik im Stile eines Francois Villon den Nazis ein Dorn im Auge gewesen. Da er gegen Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus und Spießbürgertum kämpfte, wurde der „leidenschaftliche Anti-Ideologe“, so Dürrenmatt über ihn, verfolgt und musste ins Exil. Abel-Utz ließ eine Persiflage an die Inflationsgewinnler Revue passieren und bezeichnete sein Werk als „Panoptikum mit Geistesblitzen und bestechenden Formulierungen, das weiterlebt“.

Verschiedene Gedichte wie „Berlin simultan“ (die Juden raus, die Bäuche rein), „Ein Dankgebet für Peter Panter“ (ik bin gefühllos, ik bin Poet), „Hoppla, wir leben“ (Gleichheit für alle in Schützengräben), „Werft eure Herzen über alle Grenzen“ oder ein Vergleich von Wedding und Montmartre, bei dem es ums Spekulieren geht – sie alle zeigten die Verwerfungen der Zeit, „die außer Rand und Band geriet“ und bei der hier ein Mann steht „und singt sein Lied zum Trotz – am Rand der Zeit“. Auch die Aktualität wurde deutlich bei„Zeit ist Geld und Geld ist Macht, wir sind bankrott, bankrott ...“ und beim Thema Krieg.

Abel-Utz ließ auch die Freundin Mascha Kaleko und den Weggefährten Tucholsky zu Wort kommen. Kalekos Gedichte „Im Exil“, „Take it easy“ oder „Der Mann im Mond“ hinterfragten bestehende Selbstverständlichkeiten überraschend und dabei poetisch zart. Zwei Höhepunkte des Abends waren jedoch zwei „gesungene“ Texte. Beim einen wurden Dinge und Personen und ihre Handlungen urkomisch verwechselt und beim andern wurde die Frage nach dem Verstehen gestellt.

Abel-Utz präsentierte zum Abschluss dieses nachdenkliche Anti-Kriegslied, das durch Marlene Dietrich berühmt wurde: „Sag mir, wo die Blumen sind“.